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Was ist der Unterschied zwischen Tierschutz und veganem Abolitionismus?
Viele Menschen, die sich als Tierliebhaber oder sogar Tierschützer bezeichnen, setzen sich für die bessere Behandlung von Tieren ein. Sie sind zum Beispiel für geräumigere Käfige für Hühner oder für die Bioproduktion von Milch. Das ist heute schon fast „Mainstream.“ Zumindest in Deutschland und teilweise auch in den USA kaufen viele Menschen Biofleisch oder regen sich über die Misshandlung einer Katze auf. Nur wenige würden offen sagen, dass sie sich überhaupt nicht für das Leid von Tieren interessieren, dass sie das Schicksal eines ausgesetzten Hundes oder das Quieken eines Schweines, dessen Schwanz ohne Betäubung gestutzt wird, kalt lässt.

Abolitionisten hingegen setzen sich nicht für die bessere Behandlung von Tieren ein, sondern für die Maxime, dass wir überhaupt kein Recht dazu haben, Tiere zu „behandeln,“ egal wie. („Abolitionisten“ waren Amerikaner, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten. Veganer haben diesen Begriff heute v.a. im Englischen für sich übernommen.) Abolitionisten wollen leere Käfige, keine größeren, wie Tom Regan es auf den Punkt brachte. Sie argumentieren, dass der Kampf für eine bessere Behandlung von sogenannten „Nutztieren“ weiter unter dem speziesistischen Paradigma operiert, dass Menschen das Recht haben andere Tiere zu nutzen.

Ich bin Abolitionistin, keine Frage. Nur bei einem bin ich mir noch unsicher: Ist der Kampf für die bessere Behandlung von Tieren ein erster richtiger Schritt, ein Wegweiser in Richtung veganer Abolitionismus? Dann sollte jeder Durchbruch im Tierschutz als Erfolg gefeiert werden. Oder ist es genau andersherum? Funktioniert Tierschutz nur als Alternative zum Abolitionismus statt als Ergänzung oder Vorläufer? Verhindert der Tierschutz sogar abolitionistische Ziele, indem er den Anschein gibt, dass veganer Abolitionismus gar nicht so dringend ist, weil die Tiere schließlich nicht mehr ganz so arg missbraucht werden? (Das werden sie natürlich und zwar in ständig steigenden Zahlen. Lasst euch da von keinem neuen Gesetz zu Käfiggrößen täuschen.)

Zugang zu Produkten, die als dem Tierschutz verpflichtet vermarktet werden, zum Beispiel Milch von „glücklichen Kühen“ oder „Freiland-“Eier, geben dem Konsumenten ein behagliches Gefühl: er tut etwas Gutes für Tiere, also hat er seinen Beitrag geleistet. Wenn man sich in der Gewissheit wiegt, dass man nur solche Betriebe unterstützt, die ausschließlich zufriedene Tiere „artgerecht“ halten, dann verliert veganer Abolitionismus seine Dringlichkeit.

Ich teile diese Sorge, die viele Abolitionisten haben. Für mich ist Biofleisch nicht besser als konventionelles Fleisch und vielleicht ist es sogar schädlicher, weil es Käufern den falschen Eindruck gibt, etwas für Tiere zu tun. Auf der anderen Seite ist es für die individuellen Tiere nicht gut, in einem größeren Käfig leben zu dürfen, wenigstens betäubt zu werden während man sie verstümmelt und etwas Besseres zu fressen zu bekommen?

Das ist eine grundsätzliche Frage, die ich mir nach wie vor stelle. Ich weiß, dass ich vegane Abolitionistin bin, aber ich muss noch herausfinden, ob der Tierschutz meiner Sache dient oder schadet.