Ein Anderes Leben

Als Gegner des Speziesismus wollen wir körperliche Freiheit für alle Tiere. Aber für einige Tiere gibt es körperliche Freiheit nur in Verbindung mit Leiden. Wie vereinbaren wir ihr Recht nicht zu leiden mit ihrem Recht auf ihren eigenen Körper?

Im August wurde meine Katze Evi krank. Wir riefen eines Nachts die Notärztin, weil Evi keuchte und sich vor uns versteckte. Die Ärztin untersuchte Evi auf unserem Küchentisch und Evi, die sonst nie Fremde an sich heranließ, war ganz still und protestierte nicht. Als die Ärztin Evis Brusthöhle punktierte und Blut zog, war mir zwar klar, dass das nicht gut war, aber ich dachte, dass ich einfach nur der Behandlung zustimmen musste, die sie vorschlagen würde. Tierärzte schauen einen often so an, als wollten sie einen vorbereiten: Seien Sie gewarnt, das kann jetzt teuer werden. Ich würde dann mein übliches Signal geben, dass ich keine Warnung brauchte und die Kosten egal waren. Hauptsache der Katze ginge es hinterher besser.

Stattdessen sagte die Tierärztin: Evi verblutet innerlich, entweder von einem Tumor oder einer geplatzten Ader und das in Verbindung mit einer angeborenen Blutgerinnungsstörung. Wir können da nichts machen. Entweder ich erlöse sie jetzt gleich oder sie stirbt in den nächsten paar Stunden. Über diese nächsten paar Stunden kann ich noch immer nicht schreiben. Evi war nicht mehr da. Wir hatten sie „erlöst.“

Ich hab schon einmal über den Widerspruch geschrieben, als Veganerin mit Haustieren zu leben. Natürlich bin ich gegen Zucht und Verkauf, aber ich meine, dass die Tiere, die bereits am Leben sind, ein Recht auf Zufriedenheit haben und dass Zufriedenheit in einem richtigen Zuhause leichter zu bekommen ist als in einem Tierheim. Selbst wenn es uns unangenehm ist, einen Hund anzuleinen oder eine Katze in einer Wohnung einzusperren, als VeganerInnen sind wir moralisch auch den Tieren verpflichtet, die die Industrien und Kulturpraktiken verkörpern, die wir verabscheuen. Und so müssen sich vegane Tier„besitzerInnen“ den wirklich verzwickten Fragen stellen: Wie begründen wir, dass wir nicht alle Heimtiere bei uns aufnehmen, gerade wenn wir in Ländern wie den USA leben, wo nicht vermittelte Heimtiere oft getötet werden? Füttern wir unsere Haustiere mit den Körpern anderer Tiere? Und wie entscheiden wir über die Körper unserer Haustiere, während wir versuchen, die Körper anderer Tiere von menschlicher Entscheidungsgewalt zu befreien?

Welches Recht habe ich—als jemand, der an das Recht eines jeden Tieres auf körperliche Freiheit glaubt—irgendeines von seinem Körper zu „erlösen“?

Viele Befreiungsbewegungen zielen auf körperliche Freiheit. Und aus gutem Grund: Lebewesen die Inhaberschaft über ihren eigenen Körper zuzugestehen liegt jeder Form von Respekt zugrunde. Aber was tun wir, wenn eine Vergangenheit von Unterdrückung bestimmte Körper unfähig gemacht hat für sich selbst zu entscheiden oder sie in eine Welt versetzt hat, zu der ihre Entscheidungsfähigkeiten nicht passen? Geht es beim Veganismus darum, Tiere in Ruhe zu lassen oder ihnen zu helfen?

Darauf hab ich keine Antwort. Intuitiv denke ich, wir sollten Tiere in Ruhe lassen, es sei denn das ist historisch gesehen zu spät, so wie mit sogenannten Haustieren und Tieren, die aus Laboren, Zuchtbetrieben, dem Zirkus und anderen Gefangenschaften gerettet wurden. Ihnen sollten wir helfen. Und Hilfe kann heißen, einem Tier die körperliche Freiheit und das Leiden wegzunehmen, statt ihr beides für ein paar weitere Stunden zu lassen.

Vor ein paar Jahren sagte meine Mama: Verwöhn die Katzen nicht so; für Kinder ist es auch nicht gut, verwöhnt zu werden. Woraufhin ich erwiderte: Aber Kinder werden irgendwann groß und müssen dann in der Erwachsenenwelt zurecht kommen. In ihrer Abhängigkeit von uns bleiben Katzen für immer Kinder, selbst wenn ihre Körper alt sind.