Sollten wir Gewalt anwenden?

Vor einigen Monaten hatte ich einen interessanten Emailaustausch mit einem Leser.

Er fragte mich wie Veganer einerseits das Töten von Tieren als ‚Mord‘ bezeichnen und andererseits Gewalt als Gegenmittel größtenteils ablehnen können. Er schrieb: „Ich finde es schwierig zu erkennen, warum man Gewalt nicht einmal für in bestimmten Fällen vertretbar hält, wenn man Tieren Personenstatus zubilligt. Wenn ich einen Menschenmörder nur stoppen kann, wenn ich ihn töten muss, würde ich dies tun wollen. Warum verfängt dieses Argument bei Tieren nicht?“

Persönlich lehne ich Gewalt als Mittel zum Tierschutz aus drei Gründen ab:

Erstens: Es mag sein, dass es richtig ist, jemanden zu töten, der drauf und dran ist viele andere zu töten und durch nichts Anderes zu stoppen ist (ob ich wirklich jemanden töten könnte, ist eine andere Frage). Aber wie oft stehen wir vor einem Menschen, der dabei ist Hunderte Tiere zu töten? Das Problem ist ja gerade, dass die Misshandlung von Tieren sich nicht auf isolierte Aussetzer verhaltensgestörter Individuen beschränkt, die gesellschaftlich geächtetes Leid anrichten. Speziesismus und Tiermord sind vielmehr systemisch und finden systematisch verborgen statt. Natürlich werden die individuellen Tötungen und Misshandlungen von Individuen organisiert, vorbereitet und ausgeführt, aber diese Individuen sind letztlich austauschbar und erfüllen nur eine Rolle in einem reibungslosen, gesellschaftlich akzeptierten System. Das macht die individuellen Täter nicht „unschuldig,“ aber es entkoppelt die Existenz ihrer Taten von der Existenz ihrer Person. Indem man eines dieser rollenausführenden Individuen tötet, mag man kurz die Produktionskette stören, aber das wäre sicher schnell nachgeholt und den Tieren wäre damit nicht geholfen.

Zweitens: Manche Veganer mögen Gewalt befürworten, einfach um die Täter zu „bestrafen“ und die Tiere zu „rächen.“ Ich persönlich habe dieses Bedürfnis nicht. Mein einziges Ziel ist es, das systematische Tierleid zu stoppen; dabei denke ich nicht an die Täter, außer dass ich ihre Taten stoppen will. Ich habe kein Verlangen nach Rache und die misshandelten Tiere würden ohnehin keine Genugtuung spüren. Vielleicht ist es eine Sache der Persönlichkeit. Ungerechtigkeit macht mich traurig; andere macht sie vielleicht wütend. Trauer orientiert sich am Opfer, Wut am Täter. Menschen, die angesichts von Ungerechtigkeit vor allem Wut empfinden, planen ihren Aktivismus deshalb vielleicht auch eher mit Blick auf die Täter. Mir geht es nur um die Opfer.

Drittens: Salopp gesagt: Veganismus hat ein Imageproblem. Veganer wurden früher als zauselige Hippies wahrgenommen, dann als „Superfood“-Yuppies und neuerdings auch als potentiell gefährliche Fanatiker. Wenn wir Speziesismus effektiv bekämpfen wollen, muss unsere Bewegung so viele Menschen wie möglich erreichen. Andere Menschen zu attackieren würde nur diejenigen verprellen, die wir eigentlich überzeugen wollen. Ich bin sicher nicht dafür, unsere Ideale zu verwässern—ich werde niemanden für seine Biomilch loben—aber ich denke schon, dass wir unsere Taten und Eigendarstellung genau abwägen sollten. Schließlich wollen wir „Mainstream“ werden—nicht indem wir unsere Ideale mäßigen, sondern indem wir andere für sie gewinnen.

Was denkt ihr? Hat Gewalt in der veganen Bewegung einen Platz? Und macht euch Ungerechtigkeit traurig oder wütend?