Die Neue Lust am Anti-Veganismus

In Deutschland wird selbst in den Mainstream-Medien immer mehr über Veganismus diskutiert. Das ist gut, denn es heißt, dass vegan lebende Menschen zahlreicher und lauter sind und ihre Argumente zu gut, um einfach ignoriert zu werden. Ich habe Freude an guten Debatten—sie bringen die Bewegung vorwärts und schulen die eigene Überzeugungskraft. In den letzten Wochen sind jedoch einige Artikel gegen Veganismus erschienen, deren Argumente so primitiv sind, dass darauf zu antworten eigentlich keinen Spaß macht. Eckhard Fuhrs heute in der Welt erschienener Artikel „Eine vegane Welt wäre ein kultureller Kahlschlag“ ist einer von ihnen.

Darin argumentiert Fuhr, dass Veganismus einem „kulturellen Kahlschlag“ gleichkomme. Er schreibt: „Die Kenntnisse der Tierzucht und des Umgangs mit Nutztieren, die Vielfalt der Rassen und Schläge als kulturelles Erbe gingen verloren.“ Fuhr macht sich auch um unsere Sprache Sorgen. Wenn wir keine Tiere mehr züchten, dann sagt irgendwann niemand mehr es ginge ihm „der Gaul durch.“ Im Englischen benutzt man das Schimpfwort „cotton pickin’“ auch nicht mehr. Ist die englische Sprache dadurch ärmer? Fuhr fragt weiter: „Und kann sich jemand vorstellen, was aus der europäischen Kultur werden soll ohne die Vielfalt tierischer Produkte, die sie hervorgebracht hat?  Frankreich ohne seine Käsesorten? Österreich ohne Tafelspitz? Was muss passieren, dass jemand begeistert einer solchen Zukunft entgegenstürmt? Hat er noch nie gut gegessen?“

Seit wann ist eine Kultur erhaltenswert, einfach weil es sie gibt? Aus der Sklaverei in Amerika sind wunderschöne Musikstücke entstanden—war die Sklaverei zur Erhaltung dieser Kulturtraditionen deshalb schützenswert? Kultur muss sich verändern; Kultur entsteht erst durch Veränderung. Keine Kultur ist ursprünglich und jede kulturelle Praxis, jedes Kulturgut ist irgendwann einmal entstanden. Vielmehr als ein kultureller Kahlschlag ist Veganismus kulturelles Infragestellen, kulturelles Überdenken, und Innovation. Darüber hinaus ist Moral wichtiger als jedes Kulturgut. Ethische Argumente gegen die Erhaltung eines Kulturgutes trumpfen die Vorstellung, man sollte ein Kulturgut erhalten, weil es nun eben ein Kulturgut ist. Das hat Barack Obama erkannt, als er sich vor zwei Wochen gegen die Flagge der Konföderierten Staaten von Amerika aussprach—aus Pietät gegenüber den Nachfahren der Opfer dieser Staaten. Und das hat Deutschland erkannt, als wir nach dem zweiten Weltkrieg auch das kulturelle Erbe der Nazis infrage stellten—ihre Architektur, ihre Musik, ihre bildende Kunst.

Dieses Bild hat Fuhr zur Illustration von Veganismus ausgewählt. Quelle: picture alliance.

Dieses Bild hat Fuhr zur Illustration von Veganismus ausgewählt. Quelle: picture alliance.

Fuhr schreibt weiter: „Kein Lebewesen kommt drum herum, fürs Überleben andere Lebewesen zu töten. Wie kann man also glauben, wir könnten ohne das Töten von Tieren leben?“ Leider liegt Fuhr falsch. Es gibt viele Lebewesen, die ohne Töten auskommen. Pferde und Elefanten zum Beispiel ernähren sich ausschließlich von Pflanzen. Das Kauen von Halmen, Blättern und Gräsern wird Fuhr kaum als Töten bezeichnen wollen. Auch das zufällige Treten auf Käfer wird er nicht ernsthaft dem systematischen Züchten und Töten von Milliarden von Tieren gleichsetzen. Er schreibt selbst: „Wasserbüffel leben vom Gras.“ Und nehmen wir einmal an, es gäbe tatsächlich kein anderes Tier auf der Welt, das sich von Pflanzen ernährt. Das ist kein Argument gegen Veganismus unter Menschen. Andere Tiere haben auch keine Verfassungen und Gerichtshöfe, keine demokratischen Wahlen und kein gedrucktes Wort. Sollten wir deshalb diese Institutionen unter Menschen abschaffen?

Des weiteren bezeichnet Fuhr Veganismus als ein „über die vollgefressenen Gesellschaften des Westens [gekommener] hysterischer Krampf.“ Damit ignoriert er die Jahrtausende alten vegan-vegetarischen und Tierrechtstraditionen des Nicht-Westens, wie den Jainismus oder Strömungen der ayurvedischen Lehren oder des Buddhismus. Rücksicht auf andere Lebewesen ist eben kein Trend, sie hat nichts mit „vollgefressen“ sein zu tun und ist auch nicht geographisch oder zeitlich begrenzt. Fuhr schreibt: „Das Fleisch von morgen ist das Fleisch von gestern, so wie auch der Mensch von morgen der Mensch von gestern sein wird, oder er wird gar nicht mehr sein.“ Was sind das für Platitüden? Welcher „Mensch von gestern“ schwebt Fuhr vor? Der gottesfürchtige Europäer, der „Hexen“ kurzerhand verbrannte? Der Amerikaner, der mit seinen rassistischen Gewaltakten das jüngste Blutbad in South Carolina in den Schatten stellen würde? Will Fuhr die Websiten abschaffen, auf denen er seine Artikel veröffentlicht, oder das Computerkeyboard, auf dem er seinen Koller heruntergetippt hat?

Fuhr stößt sich auch an der völligen Abhängigkeit vegan lebender Menschen „von der veganen Surrogatstoff-Industrie“ und daran, dass Soja, „der Grundstoff veganer Köstlichkeiten, (...) um die halbe Welt transportiert werden muss.“ Nur welche „veganen Köstlichkeiten“ hat Fuhr in letzter Zeit gegessen? Ich schreibe diese Zeilen am Nachmittag. Bisher habe ich Porridge mit Erdbeeren, Salat, Gemüsetortellinis mit Pesto und ein Mangosorbet gegessen. Zum Abendbrot nachher gibt es Brot. Von welcher „Surrogatstoff-Industrie“ bin ich also abhängig? Übrigens wird das meiste Soja von Tieren in der Fleisch- und Milchindustrie verspeist. Und nicht-vegane Konsumenten kaufen auch Soja. Fuhrs Behauptung, VeganerInnen seien von der Surrogatstoff-Industrie abhängig, ist also eine Fehldiagnose. Nebenbei kommen die meisten unserer Lebensmittel aus fernen Ländern. Soja aus dieser globalisierten Lebensmittelindustrie herauszuheben ist also bestenfalls scheinheilig.

Schließlich schreibt Fuhr über das vegane Argument, dass Fleischverzicht „ethisch korrekt“ sei: „Dieser Schluss ist so simpel, dass er nur falsch sein kann.“ Ein Argument ablehnen, weil es zu simpel ist? Einige der Grundfesten der menschlichen Moralordnung könnten simpler nicht sein; trotzdem orientieren wir unsere Gesetze an ihnen und leben beinahe universal nach ihnen. „Du sollst nicht töten“ ist eine dieser simplen Grundfesten. Der Satz klingt einfach; er stimmt trotzdem.