Den Mut nicht verlieren

Paradoxerweise beschäftigen sich viele Aktivistinnen den ganzen Tag mit genau dem Leid, das sie so verabscheuen. Mein Twitterfeed is voll mit Bildern von misshandelten Tieren. Ich bekomme Artikel über Schlachthöfe zugeschickt. Wenn ich am südlichen Ende des Central Park entlang spaziere, fällt es mir schwer, die Dutzenden Pferde zu passieren, ohne an der Spezies zu verzweifeln, die sie vor Wägen spannt.

Ich war noch nie besonders tough. Als Kind versuchte ich vom Buffet den unbeliebtesten Kuchen zu essen, damit „er“ nicht „traurig“ war. Einmal bestand ich darauf, dass meine Mutter den Schokoladenschneemann mit dem kaputten Hut kaufte. Wir retteten ihn aus seiner „Demütigung,“ indem wir ihm einen neuen Hut bastelten. Meine Mutter sagte öfters: „Wie willst du nur mit den wirklich traurigen Sachen in der Welt fertig werden, wenn dich schon die kleinsten Dinge runterziehen?“ Mittlerweile weiß ich, dass die Frage nicht rhetorisch war.

Jede hat ihre eigenen Strategien, um den Mut nicht zu verlieren. Ich glaube, dass jede Aktivistin solche Strategien braucht, gerade beim Kampf gegen Speziesismus, bei dem man die verhasste Mentalität in beinahe jedem Menschen sieht, den man trifft.

Es folgen drei kleine Strategien, die ich mir über die Jahre erarbeitet habe, um mich nicht runterziehen zu lassen.

Sich Die Details Sparen

Eine Zeitlang dachte ich, es sei meine Pflicht, jede neue Doku über Tierleid anzuschauen und jeden Artikel zum Thema zu lesen. Mittlerweile sehe ich das anders. Letztlich liefern die wenigsten Dokumentationen oder Zeitungsartikel neue Informationen. Skandale ähneln sich fast immer und unterscheiden sich nur in ihrem Schauplatz und wenigen Einzelheiten. Ich weiß, was in Schlachthäusern, Laboren und ähnlichen Orten passiert. Mir individuelle Tiere in diesen Institutionen und die Einzelheiten ihres Leids anzuschauen macht mich nicht zur besseren Aktivistin, höchstens zum entmutigten Menschen. Außerdem interessieren mich Skandale viel weniger als die massentauglichen Aspekte des Speziesismus. Selbst Fleischesser finden es „skandalös“ wenn auf Bio-Bauernhöfen keine Bio-Zustände herrschen. Es ist nicht meine Aufgabe ihren Rufen nach „Transparenz“ oder „tierschutzgerechter Tötung“ zu folgen, sondern sie davon zu überzeugen, dass nicht die Skandale das Problem sind, sondern die Billigung beinahe allen anderen Leids.

Kleine Siege Zählen

Wenn uns etwas am Herzen liegt, neigen wir dazu, uns auf das zu konzentrieren, was noch zu tun ist. Ich weine jedenfalls eher über einen Bericht zu Tiermissbrauch als mich lange über eine Befreiungsgeschichte zu freuen. Wenn ein neuer Artikel zu Veganismus veröffentlich wird, lese ich all die verstörenden Kommentare von gleichgültigen Lesern (oder Lesern, die gleichgültig tun, um sich aus der eigenen Schuld zu entlassen) statt mich über die Kommentatoren zu freuen, die so denken wie ich. Wenn man sich für eine unpopuläre Sache einsetzt, ist es leicht sich von der Mehrheit ablenken zu lassen, deren Lebensstil die eigene Überzeugung verletzt und den eigenen Aktivismus behindert anstatt sich auf die Minderheit zu konzentrieren, die so lebt und argumentiert wie man selbst. Es motiviert mich auch, mich dann und wann an die Tiere zu erinnern, deren Leben respektiert wird. So unerheblich die Adoption eines Heimtieres oder die Befreiung eines Huhns auch scheinen mag (und so unerheblich sie im großen Rahmen der Bewegung vielleicht auch ist), für das individuelle Tier ist sie ausschlaggebend für den Rest seines Lebens. Wenn ich mir die Welt für einen Moment aus der Perspektive dieser wenigen Tiere vorstelle, die Glück gehabt haben, geht es mir besser.

Abstand Nehmen

Wenn mir das Ausmaß an Tierleid zu viel wird und vor allem die schiere Zahl der leidenden Tiere in allen Winkeln der Welt unüberwindbar scheint, muss ich mich emotional distanzieren. Das mag konterproduktiv klingen; schließlich ist es genau diese emotionale Distanzierung, die es ansonsten empfindsamen Menschen erlaubt, Tiere zu essen und auszubeuten. Einem Fleischesser würde ich niemals raten, sich emotional vom Leiden anderer Lebewesen zu distanzieren. Aber als Veganerin und vor allem als Aktivistin muss man sich manchmal von dem distanzieren, gegen das man kämpft, um die eigenen Kräfte nicht zu erschöpfen. Das geht zumindest mir so.

Wie gelingt es euch, als TierrechtlerInnen den Mut nicht zu verlieren?