Jedes Leben zählt - aber jetzt ist nicht der richtige Moment das zu sagen

Neulich bei einer „Black lives matter!“-Demonstration.

Montag im Grand Central in New York. Eine Gruppe von Demonstranten steht im Halbkreis zusammen und ruft „Black lives matter! Black lives matter!“ Ein weißer Pendler mittleren Alters murmelt im Vorbeigehen: „All lives matter.“ Die Demonstranten, die ihn gehört haben, sind sichtlich genervt und eine Demonstrantin hält die Gruppe an: „Ignoriert ihn einfach!“

Ich glaube kaum, dass die Demonstranten dem Mann widersprochen hätten. Sicher hätten sie zugestimmt, dass alle menschlichen Leben wichtig sind—schwarz, weiß oder was auch immer. Und trotzdem fanden sie seine Korrektur ihrer Parole respektlos, aufdringlich und fehl am Platz. Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um andere Themen ins Spiel zu bringen oder neunmalklug zu sein.

Bei einer anderen Veranstaltung ließ ein Demonstrant eine Tirade gegen die Polizei los: „Wir hassen Schweine! Scheißschweine!“ Ein Mitdemonstrant—Veganer—warf ein: „Aber wir lieben Vierbeiner!“ Der „Schweine“-hassende Demonstrant wandte sich ab und ignorierte den Kommentar, so wie der „All lives matter“-Kommentar einige Tage zuvor ignoriert worden war.

Ich liebe Vierbeiner auch und ich finde, dass alle Leben wichtig sind. Anders als der neunmalkluge Passant meine ich das wortwörtlich. Alle Leben sind wichtig. Ich glaube fest an Intersektionalität. Verschiedene Formen der Unterdrückung sind miteinander verbunden. Menschen, die eine Art von „anderem“ Lebewesen unterdrücken und missbrauchen, behandeln mit größerer Wahrscheinlichkeit auch andere „andere“ Lebewesen schlecht. Die Parallelen zwischen den schlimmsten Gewaltakten der Menschheitsgeschichte sind erschreckend und eindeutig.

Es ist für mich schwierig, nachzuvollziehen, warum so viele Aktivisten für soziale Gerechtigkeit Fleisch essen. Sicher, gegenüber einer Sache leidenschaftlich zu sein, heißt nicht, dass man in jeder Hinsicht perfekt ist. Aber der Typ Mensch zu sein, dem Ungerechtigkeit nicht egal ist und Unterdrückung sowohl als Konzept als auch hinsichtlich ihrer konkreten Folgen für die Unterdrückten zu kennen, sollte einen schon empfindlicher für andere Formen der Abwertung und Ausbeutung machen.

Kurz, alle Leben sind wichtig und es macht mich traurig, wenn Menschen, die tapfer und mitfühlend genug sind, um für ihre Landsleute auf die Straße zu gehen, dabei das Fleisch und die Sekrete ihrer Mitlebewesen essen. Dennoch: Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt das anzusprechen.

Was ist das Ziel der veganen Bewegung? Wenn wir vor allem Recht haben wollen, dann sollten wir tatsächlich bei jeder Gelegenheit „All lives matter!“ skandieren. Wenn wir aber wollen, dass mehr Menschen jedes regionalen, ethnischen, sozioökonomischen und kulturellen Hintergrunds vegan leben, dann müssen wir mit unseren Argumenten den richtigen Moment abwarten. Die meisten Aktivisten wollen nicht, dass ihre Sache mit anderen Bewegungen verglichen wird, vor allem nicht in einem Schlüsselmoment wie dem, in dem sich die „Black lives matter“-Bewegung gerade befindet. Vergleiche mit Tierleid werden sowieso schnell als beleidigend empfunden und das trifft noch mehr zu für Menschen, die historisch selbst als Tiere abgewertet wurden. Alle Leben zählen - aber jetzt ist nicht der richtige Moment, das zu sagen.