Blinde Flecken

Innerhalb eines Jahres, und ganz unabhängig voneinander, haben zwei meiner ProfessorInnen laut vermutet, dass Anti-Speziesismus bald mainstream sein könnte. Ein Professor für Journalismus meinte, dass progressive Menschen ihren Kreis des Mitgefühls vielleicht immer um ein paar Ringe erweiterten, um mehr und mehr „andere“ darin aufzunehmen: andere Ethnien, andere Geschlechter, andere Sexualitäten und irgendwann andere Spezies. Vielleicht seien ja Tierrechte der nächste logische Schritt in diesem universalistischen Verlauf. Vor ein paar Wochen dann sagte eine Soziologieprofessorin etwas Ähnliches: Nachdem das Seminar sich das ganze Semester lang über die rassistischen und sexistischen Texte ansonsten intelligenter, bedachtsamer, und zukunftsweisender Wissenschaftler empört hatte—die erst drei-, zwei- oder sogar nur einhundert Jahre alt waren—vermutete sie, dass wir sicher ähnliche „blinde Flecken“ hatten. Wahrscheinlich würden unsere eigenen Nachkommen sich auch für das ein oder andere schämen, das wir heute guten Gewissens denken, sagen, oder sogar aufschreiben. Zwangsläufig sind historische blinde Flecken schwer vorauszusagen, aber, fügte die Professorin hinzu, wenn sie einen prognostizieren müsste, würde sie unsere Beziehung zu nicht-menschlichen Tieren wählen. In 50 Jahren würden wir wahrscheinlich einsehen müssen, dass wir im Unrecht waren, sie so zu behandeln, wie wir es heute tun.

In nur 50 Jahren? Der nächste logische Schritt? Das könnten tolle Ausblicke für TierrechtsaktivistInnen sein. Wenn gebildete, aufmerksame Menschen ohne eigene Tierrechtsabsichten das Ende des Speziesismus voraussagen und es mit anderen blinden Flecken der Geschichte vergleichen, dann gibt es sicher Hoffnung für unsere Bewegung, oder? Aber genau hier liegt das Problem: Die beiden sind weder TierrechtsaktivistInnen noch VeganerInnen. Sie prognostizieren eine anti-speziesistische Wende zwar, schließen sich aber freiwillig der übergroßen Masse an Menschen an, die im Kreis des Mitgefühls einen Ring hinterherhinken oder in den Augen zukünftiger Generationen als „blind“ gelten werden.

Zuerst fand ich das widersinnig. Und ziemlich verstörend. Wenn die paar Menschen, die überhaupt über Speziesismus nachdachten und eingestanden, dass sich ihre Lebensweise in der Zukunft als moralisch falsch herausstellen könnte, nicht bereit waren, die Revolution, die sie vorausahnten, selbst einzuläuten, wie können wir das dann von anderen erwarten?

Der Widerspruch macht mich immer noch traurig, aber nach einigem Nachdenken macht er nun mehr Sinn. Vielleicht können sich Menschen emotional von ihren Prognosen distanzieren indem sie die Ungerechtigkeit intellektualisieren. Ich habe irgendwann mal vermutet, dass die argumentative Auseinandersetzung mit Anti-Speziesismus eher zu langfristigem Veganismus führt als reine Emotionen oder körperlicher Ekel. Aber vielleicht lag ich falsch. Vielleicht verleiht das über-intellektualisieren einer Ungerechtigkeit einem die Fähigkeit, sich ihren eigentlichen Horror auf Abstand zu halten. Vielleicht ist es leichter, Leid auszublenden, wenn man es kühl analysiert. Und vielleicht fühlt man sich durch kritische Worte entlassen von der Pflicht zu kritischer Praxis.

Was meint ihr? Wecken solche Prognosen Hoffnung, weil andere Menschen Speziesismus offensichtlich auch als moralisches Problem wahrnehmen? Oder gerade nicht, weil wir nicht mehr davon ausgehen können, dass Tierrechte siegen werden, wenn wir argumentativ überzeugen?