Warum Ausnahmen Zählen

Selbst Menschen, die für meine vegane Lebensweise eigentlich Verständnis haben, finden meistens, ich könnte ab und zu eine Ausnahme machen. Welchen Unterschied würde es schon machen, fragen sie, wenn ich ein paar Mal im Jahr etwas Milch konsumierte, z.B. wenn eine Reise oder ein Familientreffen es lästig oder unangenehm machen, meiner veganen Sache treu zu bleiben? Praktisch gesehen mögen sie Recht haben. Ein paar Löffel der sahnigen Suppe meiner Tante würden sicher nicht direkt zur Ausbeutung von Tieren beitragen. Schließlich wurde die Crème Fraîche längst produziert und gekauft und verbraucht. Die Suppe wird so oder so aufgegessen werden, mit mir oder ohne mich, sagen sie.

Ich glaube der Hauptunterschied zwischen jenen, die kleine Ausnahmen okay finden, und denen, die sie nicht okay finden, ist dass die einen Veganismus vor allem als die Verfolgung praktischer Ziele verstehen, während die anderen Veganismus auch als Streben nach moralischer Integrität sehen. Letztlich geht es darum, ob Moral von Ergebnissen oder Absichten kommt.

Für mich kommt sie von beidem. Natürlich geht es beim Veganismus darum, handfeste Veränderungen einzuleiten: Wenn wir weniger tierische Produkte kaufen, werden weniger tierische Produkte hergestellt und weniger Tiere leiden. Aber für mich geht es beim Veganismus außerdem auch darum, immer im Einklang mit meinen praktischen Zielen zu leben, selbst wenn meine tagtäglichen kleinen „moralischen“ Entscheidungen nicht automatisch zu ihrem Erreichen beitragen. Hätte ich die Suppe meiner Tante trotz Milchbestandteilen gegessen, hätte ich damit nicht direkt Tieren Leid angetan. Aber ich möchte so leben, als ob meine Handlungen immer zählen, schon allein damit ich nicht die Gelegenheiten verpasse, wenn sie es wirklich tun.

Wer Moral und Veganismus dennoch ausschließlich nach Ergebnissen beurteilt, für den gibt es Studien, die nahelegen, dass es Tieren direkt hilft, wenn wir keine Ausnahmen machen, nur weil uns unser Veganismus mal unangenehm oder lästig ist. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Menschen, die Mitglieder von Gruppen kennenlernen, über die sie bisher nur in Stereotypen nachgedacht haben, sie die Gruppe als ganzes positiver bewerten, nur aufgrund des Kontaktes mit einem ihrer Mitglieder. Es gibt außerdem wissenschaftliche Hinweise darauf, dass wenn Menschen beim ersten Zusammentreffen mit VeganerInnen aggressiv werden, dieser Konflikt sie später zum Nachdenken über vegane Argumente bringen kann. Selbst wenn es also für andere nervig und für dich unangenehm ist, nicht-veganes Essen konsequent abzulehnen, dann weist du trotzdem jemanden darauf hin, dass Veganismus überhaupt existiert und zeigst ihm, dass VeganerInnen keine Freaks sind, sondern nette Leute.

Manchmal wünschte ich, ich würde durch meinen Veganismus nicht in jeder gesellschaftlichen Situation, die Essen beinhaltet, auffallen. Aber weil ich Moral sowohl wegen ihrem Potential der Veränderung als auch wegen ihrer Garantie der persönlichen Integrität wichtig finde, weiß ich, dass Beständigkeit zählt. Und Beständigkeit wohnt nicht in außergewöhnlichen Handlungen, sondern in den kleinen, alltäglichen.