Veganismus ist keine Schönheitskur

Als Veganerin begegne ich ständig anderen Veganerinnen, die vom Nutzen der veganen Ernährung für Gesundheit und Schönheit schwärmen. Veganismus, sagen sie, hat ihr Hautbild verfeinert, ihnen beim Verlieren der hartnäckigsten fünf Kilo geholfen und ihre bis dahin unerklärlichen Zipperlein geheilt. Ihr Bauch ist jetzt flach, ihr Haar geschmeidig und Freunden ist aufgefallen, dass sie zehn Jahre jünger aussehen. Das Internet wimmelt von entsprechend benannten veganen Websites, von Oh She Glows bis Skinny Bitch, und vegane Kochbücher heißen Vegan for Fit oder Appetite for Reduction. Wenn Stars davon berichten, wie ihre veganen Schnupperwochen ihnen „viel mehr Energie“ (Bill Clinton) oder ihren „Körper zurück“ (Beyoncé) gegeben haben, trägt das noch weiter zum allgemeinen Missverständnis des Veganismus als letzter Schrei in Sachen Wellness bei.

Es ist schön, dass der Veganismus so viele verschiedene positive Aspekte hat, dass man die unterschiedlichsten Menschen dafür gewinnen kann. Aber Veganismus als Schönheitswaffe oder Gesundheitskur anzupreisen hilft der veganen Bewegung auf lange Sicht nicht.

Für Veganismus aufgrund seiner angeblichen Vorteile für Gesundheit und Schönheit zu werben suggeriert, dass es beim Vegan-Sein um einen selbst geht (statt um Tiere oder die Erde) und es programmiert Enttäuschung und damit kurzlebigen Veganismus bereits vor.

Wenn man Veganismus als Weg zu gutem Aussehen und Wellness anpreist, dann bewirbt man ihn als Mittel zum Zweck statt als Selbstzweck. Man charakterisiert Veganismus als ichbezogen anstatt nach außen gewandt, als etwas, das man für sich selbst tut, nicht für die Tiere, die man rettet oder den Planeten, den man schont. Man stuft Veganismus außerdem von einer ethisch motivierten Lebensführung zur bloßen Diät herab. Als Gesundheits-und-Schönheits-Veganer könnte man an seinem Gemüsesaft auch auf einer Ledercouch nippen und seinen Körper beim Reiten stählen. Ich wette die meisten solcher „Veganer“ sind nach meiner Definition und der anderer ethischer Veganer gar nicht vegan, d.h. ihre Ernährung ist pflanzlich, aber ihre Schminktasche, Freizeit und Garderobe sind es nicht.

Ständig die gesundheitlichen und schönheitstechnischen Vorteile einer veganen Ernährung lobzupreisen relegiert Veganismus nicht nur zu einem eigennützigen Wellnesskick, sondern macht es auch wahrscheinlicher, dass vegane Neulinge an ihren Erwartungen scheitern und nur für kurze Zeit—statt auf Lebenszeit—vegan sind. Wenn man neue Veganer mit konkreten Versprechen von merklicher Veränderung rekrutiert—strahlender Haut, einer schlankeren Linie oder besserer Ausdauer—dann lädt man sie im Prinzip schon dazu ein, ihren Veganismus aufzugeben, sollten diese Versprechen nicht wahrwerden. Ich weiß, dass es Studien gibt, die einige gesundheitliche Vorteile pflanzlicher Ernährung, zum Beispiel niedrigere Cholesterinwerte, bestätigen, aber die meisten Behauptungen zum angeblichen Einfluss veganer Ernährung auf Aussehen und Wohlbefinden sind nicht wissenschaftlich belegt. Wenn also jemand vegan wird und sich nach einem halben Jahr nicht wesentlich gesünder fühlt und auch keine Komplimente auf sein neues Erscheinungsbild bekommt, dann wird dieser gerade erst vegan gewordene Veganer enttäuscht sein und sich von seinem neuen Lebensstil abwenden. Oder noch schlimmer: Wenn er sich während seiner ersten veganen Monate schlapp fühlt, krank wird oder plötzlich einen Ausschlag bemerkt, wird er die Ursache im Veganismus suchen, obwohl sie wahrscheinlich ganz woanders liegt. Der Veganismus hat dann in seinen Augen versagt. Wenn jemand aber aus ethischen Gründen vegan ist, dann kann er auch nicht enttäuscht werden, weil er nicht in Erwartung eines bestimmten Ergebnisses vegan lebt. Er ist vegan um vegan zu sein, also wird er allein durch das Vegan-Sein für seinen Aufwand „entschädigt.“ Er braucht nicht jünger auszusehen, damit es sich „gelohnt“ hat.

Ich bin nur deshalb vegan, weil man als Anti-Speziesistin nicht anders leben kann. Aber mir ist auch klar, dass andere Veganer von anderen Gründen getrieben werden. Und dem Tier, das nicht gegessen wird, ist es natürlich egal, ob es aus religiösen, gesundheitlichen, Umwelt- oder sonstigen Gründen am Leben bleibt. (Wobei Anti-Speziesismus als einzige Motivation Tiere auch vor der Unterhaltungsindustrie oder Testlaboren bewahrt.) Aber vegan zu sein, weil jemand dir versprochen hat, es würde dich schöner machen, wird weder der Bedeutung des Veganismus für andere Lebewesen gerecht noch seiner Dringlichkeit. Es unterstellt, dass es beim Vegan-Sein um deinen Körper geht, obwohl es doch eigentlich um Billionen anderer Körper geht und den Planeten-Körper, auf dem wir alle leben. Und es bewirbt Veganismus als Mittel zum Ziel; wer das Ziel nie erreicht, läuft Gefahr, die Mittel zu verteufeln. Die Welt braucht keine Veganer auf der kurzfristigen Suche nach Ergebnissen—wir brauchen Veganer, für die der Veganismus selbst langfristig das Ergebnis ist.