Du und alle, die dir nahestehen, hatten Unrecht

Viele Gründe hindern ansonsten liebe Menschen daran vegan zu werden, selbst wenn pro-vegane Argumente bei ihnen irgendeinen Nerv treffen. Einer der wirksamsten ist, dass wenn man erstmal zur Kenntnis nimmt, dass sich hinter dem scheinbar Normalen nur Grausamkeit verbirgt, man sich auch eingestehen muss, dass man selbst und alle, die man liebt, furchtbar falsch lagen. Man muss zugeben, dass man selbst geholfen hat, Grausamkeit aufrechtzuerhalten, und man für den Rest seines Lebens mit etwas Reue und Schuld leben wird. Man muss außerdem anerkennen, dass die eigenen Eltern, Partner und Freunde—also alle Menschen, die man liebt und vielleicht sogar für Wesenszüge wie Güte und Intelligenz schätzt—in ein moralisches Verbrechen verwickelt sind, das sich nicht mit dem Bild vereinbaren lässt, das man bis dahin von ihnen hatte.

aus Howard Finster, Man of Visions, 1989

aus Howard Finster, Man of Visions, 1989

Seine eigene Schuld und Fehlbarkeit und die der einem nahestehenden Menschen einzugestehen ist einer der schwierigsten und schmerzhaftesten Schritte in Richtung Veganismus. Wenn man erst einmal vegan ist, sieht man sein vergangenes Selbst und die Menschen um sich herum in einem anderen Licht. Man hört natürlich nicht auf, sie zu lieben, aber man hat für immer etwas Unschuld und Vertrauen in die grundsätzliche Güte seiner Lieben verloren. Die Selbstachtung leidet auch. Zumindest war das bei mir so.

Gleichzeitig hat diese Erfahrung des sich selbst in Frage stellens und der darauffolgenden Schuld aber auch das Potential, uns Nicht-Veganern näher zu bringen und unserem selbstgerechten Ruf etwas entgegenzusetzen. Fast jeder Veganer war einmal nicht vegan. Fast jeder Veganer lag also für viele Jahre schrecklich falsch und musste seine jahrzehntelange Mitschuld an der Tierausbeutung irgendwann eingestehen und nun damit fertig werden. Wir sollten diese Erfahrung mit Nicht-Veganern teilen. Wir sollten klarstellen, dass es nicht akzeptabel ist, im Unrecht zu sein, aber völlig in Ordnung, im Unrecht gewesen zu sein.

In unserem Versuch zu zeigen, dass Veganer nicht selbstgefällig sind, sollten wir nicht nur offen damit umgehen, dass wir selbst lange falsch lagen, sondern auch damit, dass wir in vielerlei Hinsicht nach wie vor nicht perfekt sind. Ich bin mir zum Beispiel der Kinderarbeit und Sklaverei in der Kakaoproduktion bewusst; trotzdem kaufe ich nicht immer Fair-Trade-Schokolade. Ich weiß auch, dass Aluminiumfolie schlecht für die Umwelt ist und aus Bequemlichkeit benutze ich sie doch manchmal. Und obwohl ich nicht glaube, dass meine Wanderlust ihre Folgen für unseren Planeten rechtfertigt, fliege ich doch mehrmals im Jahr und leih mir ab und zu das Auto meiner Eltern aus, um schöne, aber letztlich völlig unnötige und schädliche Ausflüge zu unternehmen. Wie jeder andere Mensch auf der Erde beteilige ich mich manchmal an Dingen, die ich eigentlich ablehne.

Nicht, dass ich falsch verstanden werde. Unter all den schlimmen Sachen, die Menschen tun, ist der Speziesismus für mich der schlimmste, schon allein wegen seines Ausmaßes. Aber dennoch denke ich, dass es gut ist, anzuerkennen, inwiefern auch Veganer unmoralisch handeln und dass wir fast alle eine unvegane Vergangenheit haben; beides lässt Veganer weniger gutmenschenhaft und Veganismus bodenständiger und machbarer erscheinen. Es zeigt, dass wir uns alle manchmal an Systemen beteiligen, an die wir nicht glauben, und für kurzweilige Annehmlichkeiten und Gemütsruhe unsere Skrupel beiseitelegen. Es zeigt auch, dass es bei einer so grausamen Sache wie Tierausbeutung immer schändlich ist, falsch zu liegen—aber es ist keine Schande, falsch gelegen zu haben. Das haben wir fast alle.