Warum das hier kein Food-Blog ist

Essen als Waffe: Von Lebensmittelinflation, Agrarsubventionen und staatlich provozierter Knappheit bis hin zu Regulationen, Etiketten und Genmanipulation, Regierungen setzen Lebensmittel gegen andere Nationen, politische Gegner und ihr eigenes Land ein. Hitler und Stalin nutzten Lebensmittelknappheit, um das eigene Volk in Schach zu halten und die Nomenklatura der Sowjetunion und des Ostblocks lockte und belohnte Anhänger mit Essen.

Veganer wissen, dass Essen Waffe ist. Wir setzen sie jeden Tag gegen die todbringenden Branchen ein, die wir hassen. Omnivoren setzen sie gegen Tiere ein—Waffen bestehend aus dem Fleisch derjenigen, gegen die sie sich richten. Dennoch sind Waffen nicht automatisch politisch. Essen ist eine Waffe, ja, aber es muss mit Botschaft und Bedeutung erfüllt werden, um eine politische Waffe zu sein. Deshalb kann Essen allein dem speziesistischen System, welches unserer Gesellschaft zu Grunde liegt, nichts anhaben. Die Mainstreammedien z.B. schreiben gern, Attila Hildmann würde Veganismus im Land verbreiten. Aber seine Bücher erwähnen Tiere nicht. Er verkauft seine Rezepte als „fettarm“ oder „verjüngend,“ nicht als respektvoll gegenüber anderen Leben. Seine Fans sind nicht unbedingt vegan, ganz zu Schweigen von anti-speziesistisch, sondern vor allem Menschen, die abnehmen oder dem Zahn der Zeit trotzen wollen. Veganes Essen ist nicht von sich aus politisch; wir müssen es erst politisch machen.

Essen kann politisch sein. Einer meiner Lieblingsfilme, Sedmikrásky von Věra Chytilová (1966), war in der ČSSR verboten, weil er die Lebensmittelorgien der Nomenklatura während der Agrarkrise karikierte.

Essen kann politisch sein. Einer meiner Lieblingsfilme, Sedmikrásky von Věra Chytilová (1966), war in der ČSSR verboten, weil er die Lebensmittelorgien der Nomenklatura während der Agrarkrise karikierte.

Essen ist ein Teil unserer Bewegung. Es muss es sein, denn diejenigen, für die wir uns „bewegen,“ werden als Essen entwertet und jeder Mensch muss essen, weshalb niemand Gleichgültigkeit gegenüber der Sache vorschützen kann. Aber Essen ist eben nicht genug. Vegane Kuchenbasare und Picknicks, vegane Abendessen für nicht-vegane Freunde, Lob für veganes Gebäck oder vegane Food-Blogs sind nicht unbedingt politisch, weil sie nicht automatisch Anti-Speziesismus fördern.

Nur durch ein Umdenken der Tier-Mensch-Dichotomie, die derzeit jeden Grad von Missbrauch rechtfertigt, können wir langfristige Veränderung erreichen. Einen Kuchenbasar zu veranstalten und die veganen Linzer Schnitten als „so gut wie das Original“ anzupreisen wird Menschen nicht dazu bringen, sich ihre Mitschuld am Tiermissbrauch einzugestehen. Ein Rezept für „täuschend echte“ „Käse“-Spätzle zu bloggen wird niemandem den Horror klarmachen, der im Namen des Speziesismus rationalisiert wird. Nur Argumente, unbequeme Fragen und Informationen können das.

Das heißt nicht, dass Essen keinen Platz in der anti-speziesistischen veganen Bewegung hat. Aber Essen dient nicht als Werkzeug, um andere davon zu überzeugen, dass Tiere ein Recht auf körperliche und emotionale Unversehrtheit und Freiheit haben. Essen kann nur beweisen, dass die kulinarische Schlussfolgerung des Anti-Speziesismus—Veganismus—einfach, lecker und gesund ist.

Essen ist eine Waffe und es kann eine politische sein. Aber dafür müssen wir ihm erst eine Bedeutung geben. Ein beliebiger Schuss gen Himmel ist nicht politisch. Ein unkommentierter veganer Keks ist nicht politisch. Erst wenn wir erklären, warum unsere Kekse vegan sind, konzeptualisieren wir sie als politisch. So umgestaltet kann ein Keks dann auch Teil des politischen Aktivismus werden. Aber veganes Essen an sich kann nicht argumentieren, dass Vegansein richtig ist, nur dass es leicht ist.