Ich hasse es, meinen Veganismus für mich zu behalten — Manchmal mache ich es trotzdem

Graham Lambkin, A Moment

Graham Lambkin, A Moment

Als ethisch motivierte Veganerin stehen meine Weltanschauung und Lebensweise so im Widerspruch zu meiner Umwelt, dass ich mich ständig zwischen Konfrontation und Versteck entscheiden muss. Zu offenbaren, dass ich vegan bin, heißt Diskussionen und Anschuldigungen in Kauf nehmen. Es für mich zu behalten, heißt einen grundlegenden Teil meiner Identität zu verbergen.

Wann immer ich das Versteck wähle, bin ich enttäuscht von mir. Ich bin von Natur aus eher zurückhaltend, aber manchmal bin ich obendrein noch müde oder anderswo mit den Gedanken oder einfach nicht in der Stimmung für Diskussionen. Das sind die Zeiten, in denen ich lieber nichts sage als Debatten auszulösen.

Drei Beispiele:

Ein Kollege bot mir Kekse an. Ich lehnte einfach ab—„Nein, danke.“—ohne zu erklären, warum. Ich wollte sagen „Nein, danke, ich bin Veganerin,“ aber an diesem Morgen war ich besonders schläfrig und geistesabwesend. Ich hatte einfach keine Lust, mich zu erklären oder zu verteidigen.

Ein anderes Mal frühstückte ich mit einem Freund. Das Frühstücksbuffet war voller veganer Optionen und es fiel nicht schwer, meine Teller mit ihnen zu füllen. Auf seinen Tellern stapelten sich Speck und Spiegeleier, Würstchen, Brötchen und Käse. Fleisch, Eier und Milchprodukte zu wählen war angesichts der veganen Auswahl vollkommen unnötig. Und vielleicht auch unhöflich; immerhin saß ihm eine vegane Freundin gegenüber. Ich hätte etwas sagen sollen, aber ich war—bis auf den Anblick seines Frühstücks—guter Dinge und wollte die Stimmung nicht verderben.

Und ein letztes Beispiel: Fast bei jedem Besuch sagt meine Oma über mich: „Rike ist Veganerin, aber sie will keinen indoktrinieren. Sie will, dass jeder seine eigene Entscheidung trifft.“ Das ist natürlich völlig falsch. Töten ist keine Frage der persönlichen Entscheidung. Und meine Oma weiß, dass ich das so sehe; ihr „Lob“ ist passiv-aggressiv. Manchmal stelle ich ihre Behauptung richtig. Manchmal sage ich einfach nichts.

Wann immer ich meinen Veganismus für mich behalte, Freunde nicht auf ihre Essgewohnheiten anspreche oder falsche Behauptungen über Veganismus nicht richtigstelle, fühle ich danach den Anflug eines schlechten Gewissens. Ist es nicht meine Pflicht, nicht nur vegan zu sein, sondern offen vegan? Für Veganismus zu werben und falsche Behauptungen zu korrigieren? Schließlich gibt es so wenige von uns und Gelegenheiten mit Nicht-Veganern über Veganismus zu reden sind eher selten. Ist es deshalb nicht gewissermaßen meine Aufgabe, über meinen Launen zu stehen und immer bereit zu sein, die Botschafterin zu geben, egal ob es draußen gerade erst dämmert oder ich die gute Stimmung verderben könnte?

Hat man sich erstmal von der wohligen Neutralität eines all-umfassenden Paradigmas wie Speziesismus befreit, hat man nur noch die Wahl zwischen Konfrontation und Rückzug. Dazwischen gibt es nichts mehr. Wenn man ehrlich ist, riskiert man Konflikt, auch wenn man sich ihm in dem Moment nicht gewachsen fühlt. Und wenn man den Konflikt vermeidet, fühlt man sich unehrlich und feige. Die philosophische Distanz zwischen mir und der Welt bestimmt die Distanz zwischen den beiden Alternativen, mit ihr umzugehen.