Keine Frage des Entweder-Oder

Neulich in den Nachrichten: Jemand ruft die Polizei wegen des nicht angeleinten Pitbulls des Nachbarn. Der Pitbull bleckt die Zähne in Richtung des eintreffenden Polizisten und der erschießt ihn. Die Menschen in der Nachbarschaft, wütend über den Tod des Hundes, verlangen die Entlassung des Polizisten—mit Erfolg.

Eine führende Aktivistin schlussfolgerte aus dieser Geschichte, dass in Amerika das Leben eines Hundes mehr wertgeschätzt werde als das eines schwarzen Mannes. In den Wochen nach Ferguson sah es für sie so aus, dass weiße Gemeinden sich eher über den Tod eines Hundes empörten als über den eines schwarzen Teenagers.

Dabei hängen diese beiden Ereignisse überhaupt nicht miteinander zusammen. In beiden Fällen wurde jemand ungerechtfertigt getötet. In einem Fall verlor der Täter seinen Job. Aber die Fälle übertrumpfen sich nicht gegenseitig; eine Ungerechtigkeit kann die andere nie überbieten. Dass ein Polizist nicht für das Töten eines Mannes zur Rechenschaft gezogen wurde, heißt nicht, dass ein anderer nicht für das Töten eines Hundes zur Verantwortung gezogen werden sollte. Dass einer Gemeinde der Tod eines Hundes nicht egal war, heißt nicht, dass ihr der Tod eines Schwarzen egal gewesen wäre. Mitgefühl ist kein endlicher Rohstoff; es gegenüber einem Leben zu zeigen heißt nicht, für ein anderes weniger übrig zu haben. Die beiden Fälle sind nur insofern verwandt, als dass in beiden bestimmte Leben weniger geschätzt wurden, aber sie liegen nicht in unterschiedlichen Waagschalen. Es wäre nicht respektvoll gegenüber Michael Brown gewesen, den hundeschießenden Polizisten nicht zu feuern und umgekehrt hat seine Entlassung Michael Brown nicht verunglimpft.

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Es is traurig, dass so viele soziale Aktivisten denken, Tierrechte würden Menschenrechten gegenüber stehen. Sie finden, für Tiere zu kämpfen sei ein ungerechtfertigter Luxus angesichts der vielen Menschen, deren Rechte missachtet werden. Und sie meinen, dass Tierrechtsaktivisten blind oder gleichgültig gegenüber menschlichem Leiden sein müssen, sonst würden sie ihre Zeit und Energie kaum an so „nebensächlichen“ Themen vergeuden. Veganer wissen natürlich, dass das nicht stimmt, aber der Schaden ist schon passiert: Frauen und Männer wie oben genannte Aktivistin, die sich ansonsten für Gerechtigkeit einsetzen, unterstützen die Tierrechtsbewegung nicht oder lehnen sie sogar ab, weil sie ihren eigenen Kampf angeblich erschwert oder zumindest nicht respektiert.

Es gibt für dieses Dilemma keine schnelle Lösung, aber Veganer können doch zwei Dinge tun, um diese potentiellen Verbündeten nicht zu verprellen: a) immer wieder den Zusammenhang zwischen der Unterdrückung verschiedenster „Anderer“ erklären (Frauen, Schwarze, auf Sozialhilfe Angewiesene, Behinderte, Homosexuelle, Menschen aus anderen Länden… und nichtmenschliche Tiere) und b) sich bewusst machen, dass viele Menschen den Kampf für Tierrechte als Beleidigung gegenüber missbrauchten Menschenrechten empfinden.

Ich bin oft überrascht, dass viele Menschen im Grunde recht aufgeschlossen gegenüber dem Vergleich von z.B. Rassismus, Sexismus und Speziesismus sind. Selbst viele, die das Wort „Speziesismus“ noch nie gehört haben—und sich erstmal die Zunge daran zerbrechen—nicken wenn ich sage, dass wir es schließlich auch für falsch erklärt haben anhand anderer willkürlicher, angeborener Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft Wertschätzung zu verteilen; warum würden wir also Spezies weiterhin als sinnvolle, gerechtfertigte Klassifikation zur Ausgrenzung und Ausbeutung nutzen? Natürlich protestieren einige gleich: „Aber das ist doch überhaupt nicht vergleichbar! Egal welches Geschlecht, welche Hautfarbe usw., es sind doch alles Menschen und darauf kommt es an!“ Aber die meisten sind erstaunlich offen gegenüber meiner Argumentation und sehen zumindest die krassesten Parallelen ein. Selbst wenn sie nicht gleich vegan werden, wurde ihnen diese Analogie—die ihnen wahrscheinlich völlig neu ist—zumindest erstmal vorgestellt. (Und denen, die den Vergleich ablehnen weil es „auf’s Menschsein ankommt,“ könnte man zeigen, wie perfekt ihr Einwand jegliche historische Unterdrückung rechtfertigt hätte, indem man einige Wörter ersetzt: „Aber das ist doch nicht vergleichbar! Egal welches Geschlecht, welche Herkunft usw., sie sind doch alle weiß und darauf kommt es an!“)

Gleichwohl glaube ich, dass wir das Misstrauen gegenüber Tierrechten ernst nehmen und entsprechend sanft argumentieren sollten. Selbst wenn wir die Bedenken ungerechtfertigt und albern finden, bringt es nichts, mit Analogien um sich zu werden, die andere beleidigend finden und aufgrund derer sie sich dem Tierrechtsgedanken noch mehr widersetzen. Einen politischen Kampf—z.B. den zur Abschaffung der Sklaverei—mit einem anderen zu vergleichen—z.B. unserem für Tierrechte—lässt manche Menschen befürchten, ihr eigener Kampf würde zu einem historischen Amalgam aus Bewegungen, mit denen sie sich nicht identifizieren, relegiert werden. Jeder Gerechtigkeitskampf hat einzigartige Elemente und die für eine bestimmte Gerechtigkeit Kämpfenden können schnell das Gefühl bekommen, dass „zufällige“ und „unpassende“ Vergleiche diese Einzigartigkeit anfechten.

Das heißt natürlich nicht, dass wir die Bedeutung unseres Kampfes für Tierrechte herunterspielen sollten—unsere Bewegung ist nicht weniger wichtig als jene, mit denen wir uns vergleichen und auch aus Höflichkeit sollten wir nicht bescheiden sein. Gleichzeitig sollten wir aber auch zur Kenntnis nehmen, dass andere Menschen sich für ihre eigenen politischen Kämpfe verausgaben und dass wir, wenn wir sie nicht vergraulen wollen, ihren Enttäuschungen und Herausforderungen mit Empathie begegnen sollten.

Eine gute Aktivistin ist in ihrer Botschaft und Motivation unbeirrt, aber in ihren Methoden und ihrer Herangehensweise flexibel. Es geht nicht darum, den eigenen Standpunkt mit der Eindringlichkeit vorzupreschen, von der man weiß, dass er sie verdient—es geht darum, seine Argumente zu anderen Menschen hindurchzuschlängeln und dabei das Labyrinth zu manövrieren, das deren eigener Kampf gebietet.