Was zu brutal für Kinderohren ist, gehört auch nicht auf Kinderteller

Eine Verwandte, die einen fünfjährigen Sohn hat, beschwerte sich neulich bei mir über eine Puppentheateraufführung, die die beiden besucht hatten. Es sollte harmlose Kinderunterhaltung sein, sagte sie, aber dann begannen die rücksichtslosen Puppen einen Dialog, der empörend war, völlig unangemessen für Kinder, laut meiner Verwandten.

Puppe 1: Was isst du denn da?

Puppe 2: Ein leckeres Würstchen.

Puppe 1: Weißt du, wo Würstchen herkommen?

Puppe 2: Nö.

Puppe 1: Würstchen kommen von Schweinen.

Puppe 2: Wirklich? (schaut reumütig aufs Würstchen)

Diese kurze, eher fade Unterhaltung der beiden Puppen hatte meine Verwandte zutiefst verärgert. Sie wetterte, dass so ein Thema doch überhaupt nichts für Kinderohren sei. Wie könne die Theaterkompanie während einer Kindervorstellung nur so brutale Themen ansprechen? Hatten sie denn kein Herz? Wussten sie nicht, dass Kinder gegenüber solchen Dingen empfindlich sind? So was sei viel zu verstörend für Kinder, schlussfolgerte sie, und sollte nicht in ihrer Anwesenheit besprochen werden.

Die meisten Eltern finden bestimmte Themen für Kinder unangemessen und wollen ihre Kinder von ihnen abschirmen. Dazu gibt es auch entsprechende Gesetze, wie Altersbeschränkungen für Filme. Aber der Knackpunkt ist, dass die Eltern, die ein Thema für ihre Kinder zu grausig finden, in der Regel auch nicht wollen, dass ihre Kinder sich daran beteiligen. Die Mutter, die nicht will, dass ihr Kind explizite Sexszenen anschaut, will wahrscheinlich auch nicht, dass ihr Kind Sex hat. Meine Verwandte auf der anderen Seite wollte ihr Kind vom Wissen um Tierleid fernhalten, es aber dennoch durch das Essen, das sie ihm gab, an dessen praktischem Ergebnis beteiligen und in das System, das das Leiden produzierte, verwickeln.

Aus der Scheinheiligkeit meiner Verwandten ergibt sich eine allgemein gültige Maxime: Wenn etwas so brutal ist, dass deine Kinder nichts davon wissen sollen, dann verwickle sie auch nicht darin. Wenn du der Meinung bist, dass die Fleischproduktion für Kinder ein zu grausames Thema ist, dann beziehe sie auch nicht mit ein, indem du ihnen Fleisch zu essen gibst. Andersherum, wenn du ihnen unbedingt Fleisch vorsetzen willst, dann erzähle ihnen, wo es herkommt. Und dann, durch ihre Reaktion, finde heraus, dass es nicht unangemessen war, sie zu informieren, sondern sie bereits ins System verwickelt zu haben.