Kommentar zum ZEIT-Artikel „Die Vegane Armee Fraktion“

In der aktuellen ZEIT schreiben Christian Fuchs und Greta Taubert unter dem Titel „Die Vegane Armee Fraktion“ über deutsche Tierrechtler: ein Patchwork aus hinkenden Vergleichen, anmaßenden Bezeichnungen und Unkenntnis. Hier mein Kommentar dazu.

Eine per Definition gewaltfreie Szene wird der Gewalt bezichtigt

Das Hauptproblem des Artikels ist, dass Fuchs und Taubert die Bewegung einerseits als „militant“ und „gewaltbereit“ beschreiben und sie mit „Terrorgruppen der siebziger Jahre“ vergleichen, andererseits aber ihre Anschuldigungen nicht mit Beispielen untermauern können.

Bildquelle: ZEIT, 28. August 2014, No. 36

Bildquelle: ZEIT, 28. August 2014, No. 36

So schreiben die Autoren z.B.: „um das Ausbeuten und Töten von Tieren zu stoppen, kämpfen militante Tierschützer immer häufiger auch mit Gewalt“ und später „Die Zahl der als extremistisch eingestuften Straftaten ist in [den letzten 10 Jahren] um das Siebenfache gestiegen.“ Andererseits finden sie für diesen „Terrorismus“ keine besseren Beispiele als „Aktivisten [zerstören] Tierfallen oder stellen sich auf ein Feld in die Schusslinie zwischen Wild und Jäger.“ Im ersten Beispiel kommt niemand zu schaden, im zweiten höchstens der Aktivist selbst. Das ist keine Gewalt. In weiteren Beispielen beschimpfen Aktivisten Mitarbeiter von Pharmaunternehmen und Tierversuchslaboren als „Affenmörder“ und „Tierquäler.“ Semantisch sind das Fakten und rechtlich ist es vielleicht Hausfriedensbruch; in keinem Fall ist es Gewalt oder gar Terrorismus.

Bauer Löhr wird als ein Opfer dieser angeblichen Gewalt vorgestellt. Als Löhr seine Mastanlage baute, „zündeten Tierrechtsaktivisten und andere besorgte Bürger Grabkerzen an, tranken Tee und hielten Transparente hoch.“ Grabkerzen und Tee als Kalaschnikow der „Veganen Armee Fraktion?“ Ich frag mich, ob Fuchs und Taubert beim Schreiben selbst schmunzeln mussten.

„Deutschlandweit sollen es inzwischen 500 bis 1000 Radikale sein, die Angriffe auf Zoodirektoren, Jäger, Metzger, Pelzhändler und Manager von Pharmakonzernen organisieren,“ behaupten Fuchs und Taubert, berichten aber nur von Anschlägen auf die Wirkungsstätten dieser Berufsgruppen, nicht auf die Menschen selbst. Das ist ein Riesenunterschied und ihn zu verwischen, ist journalistisch unsauber. Einige Absätze weiter schreiben Fuchs und Taubert selbst: „Diese Gewalt dürfe sich nicht gegen Menschen oder Tiere richten, heißt es auf der Website der ALF.“ Ihre Informantin aus der Szene zitieren sie: „Wichtig sei […] nur leer stehende Hallen niederzubrennen, zum Beispiel Ställe kurz vor der Fertigstellung, damit kein Tier und kein Mensch zu Schaden komme.“ Wenn also kein Tierrechtsaktivist Lebewesen Schaden zufügt, dann ist es weder eine gewalttätige Szene, noch eine, die man mit der RAF vergleichen darf.

„Massenmord“ und „Tierausbeutung“ in Anführungsstrichen, Militante Tierrechtler und Öko-Extremisten nicht

Trotz fehlender Beispiele echter Gewalt werfen die Autoren mit Bezeichnungen wie „militanter Tierrechtler,“ „extremer Tierrechtler“ und „Öko-Extremist“ nur so um sich. Warum militant? Kein Tierrechtler tut Lebewesen weh. So zitieren es die Autoren selbst. Und was heißt überhaupt extrem? Fuchs und Taubert meinen das natürlich abwertend. Aber war die Weiße Rose damals nicht auch extrem? Oder die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung? Und war das im Nachhinein etwa schlecht? Dürfte man diese Gruppen heute überhaupt noch als extremistisch verunglimpfen?

Übrigens: Während die Autoren bei „militant“ und „extrem“ auf Relativierungen verzichten, setzen sie Worte wie Massenmord (an Tieren) und Tierausbeutung in Anführungsstriche.

Die „Vegane Armee Fraktion“ als moderne RAF

Besonders anmaßend ist der Vergleich mit „Terrorgruppen der siebziger Jahre,“ mit dem die Autoren schon im Titel auf Leserfang gehen. Sie schreiben, dass ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend eine kleine Randgruppe produziert, die wie damals in den Terror abgleitet. Der Vergleich ist völlig daneben. Erstens verbreiten Tierschützer keinen Terror. Und zweitens ist Tierschutz kein allgemeiner gesellschaftlicher Trend. Zwar behaupten Fuchs und Taubert „immer mehr Menschen fühlen sich dem Wohl der Tiere verpflichtet,“ aber das ist gelogen. Nicht einmal einer von 200 Deutschen ist Veganer. Der Rest hat vielleicht ein latent schlechtes Gewissen, aber das mit einem Gefühl der Verpflichtung gegenüber „dem Wohl der Tiere“ gleichzusetzen ist absurd.

Die Autoren behaupten weiter: „In einigen Milieus haben Vegetarier oder sogar Veganer die Meinungsführerschaft erlangt. Heute muss sich zunehmend derjenige erklären, der noch Fleisch isst—und nicht, wer darauf verzichtet.“ Ich kenne vor allem städtische, akademische, eher linke Menschen: wohl jenes Milieu, auf das die Autoren anspielen. Leider liegen sie falsch: Ich kenne kaum andere Veganer und es bin immer ich, die sich erklären muss.

Attila Hildmann, der "Vorzeigeveganer"

Zu guter letzt kennen die Autoren die vegane Bewegung offensichtlich nicht besonders gut. Die Debatte etwa, ob Brandanschläge und Drohbriefe der Bewegung dienen, darf man führen. Muss man führen. Führt man ja auch in der Tierrechtsbewegung. Von diesen internen Diskussionen und den verschiedenen veganen Lagern schreiben sie aber nichts. Kochbuchautor Attila Hildmann wird dagegen von den Autoren als „Vorzeigeveganer“ bezeichnet—blöd nur, dass er gar kein Veganer ist, weil er weiterhin z.B. Leder konsumiert. Das hätte man vorher mal recherchieren können.

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Nur eines haben die Autoren gut hinbekommen, ihr Profil des „Öko-Extremisten:“ „[Er] wohnt eher in der Stadt, nicht auf dem Land. Er stammt aus akademischen Verhältnissen und ist zwischen 20 und 30 Jahren alt. Er studiert noch (…). Er lebt strikt vegan, klebt aber keine Tierrechtsaufkleber an seine Tür.“ Da fühl ich mich jetzt schon ein bisschen ertappt.