Veganer dürfen Pessimisten sein

Ich wünsche mir nichts mehr, als dass alle Menschen auf der Welt vegan sind und Tierausbeutung jeglicher Art aufhört. Aber dieser Wunsch wird nie in Erfüllung gehen. Veganismus wird nie die Norm sein.

Albín Brunovský, Pávi Král' (1980)

Albín Brunovský, Pávi Král' (1980)

Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich als Veganerin meinen Pessimismus für mich behalten muss. Ich fühle mich unter Druck, all jenen Veganern beizupflichten, die skandieren „Die Zukunft ist vegan“ oder Nicht-Veganer anspornen, sich einer Bewegung anzuschließen, der die Geschichtsbücher letztendlich Recht geben werden. Eine Veganerin hat mich einmal ganz erschüttert angesehen, als ich meinte, dass ich nicht an eine vegane Zukunft glaube. „Warum sagst du sowas?“ ging sie mich an, als ob ich als echte Veganerin auch an die Massentauglichkeit unserer Sache glauben müsste—oder wenigstens so tun sollte. Aber ehrlich gesagt sehe ich keinen Grund, optimistisch zu sein. Und da sich meine eigene Motivation, vegan zu leben, nie aus Optimismus speiste, glaube ich fest daran, andere Menschen gegen Tierausbeutung mobilisieren zu können, ohne ihnen zu suggerieren, dass sich diese Position irgendwann sowieso durchsetzen wird und sie lieber früher als später auf die Erfolgsseite der Geschichte wechseln sollten.

Zum einen bevorzuge ich einfach Ehrlichkeit. Es ist anstrengend Zuversicht zu mimen, wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass die Welt irgendwann vegan sein wird und nicht einmal glaube, dass Veganismus je alltäglich sein wird, höchstens etwas weniger selten.

Zweitens geht es bei moralischem Verhalten nicht um Ergebnisse. Ich lebe nicht im Einklang mit meinen eigenen Moralverstellungen um eines Tages von der Geschichtsschreibung Recht zu bekommen oder als Vorreiterin belohnt zu werden. Ich lebe moralisch, weil ich nur so meine persönliche Integrität erhalten kann. Ich finde es toll, andere für den Veganismus zu gewinnen, aber mein eigener Veganismus lebt nicht von der vagen Hoffnung, eines Jahres Eine unter Vielen statt Eine under Wenigen zu sein. Moralische Entscheidungen können nicht umsonst getroffen werden, weil sie sich immer nur auf die Gegenwart beziehen, nie auf die Zukunft.

Insofern: Nein, Veganismus wird nie die Norm sein. Aber ja, ich bin trotzdem vegan. Mein Optimismus unserer Sache gegenüber und meine Entscheidung vegan zu sein haben nichts miteinander zu tun. Und genauso wie ich ein Recht darauf habe zu sagen, dass ich nicht an eine vegane Zukunft glaube, sollten alle Veganer, die daran glauben, ihrer Hoffnung Luft machen. Unser Optimismus mag sich unterscheiden, aber unsere Motivation ist die gleiche: Speziesismus ist die größte moralische Katastrophe unserer Zeit. Ich kämpfe für den Sieg, obwohl wir verlieren werden. Hoffentlich lieg ich falsch.