Nestle Geht's Ums Tierwohl... Oder: So Absurd Kann Tierschutz Sein

Vor wenigen Tagen hat Lebensmittelgigant Nestle gelobt „das Wohl der Tiere in seiner Lieferkette zu verbessern“ um sicherzustellen, dass sie „gut versorgt sind“ (Nestle’s Worte). Im Prinzip hat Nestle seine Lieferanten aufgefordert, bestimmte grausame Verfahren, etwa die Amputation von Kuhschwänzen, zu unterlassen.

Das ist die Art von Ansage, die mir Leute, die vage wissen, dass ich „Tiere mag,“ triumphierend vorhalten würden: „Siehst du, Tierschutz breitet sich total aus.“ In Wahrheit ist Nestle’s Ankündigung keine Verbesserung für Tiere. Sie ist stattdessen ein Beispiel für die Absurdität des Konzepts Tierschutz und seiner farcenhaften Anwendung auf kapitalistische Ausbeutung. Nestle’s Zug sieht genau zwei Gewinner vor: Nestle selbst, das sein Image und vielleicht Verkaufszahlen verbessern wird, und Konsumenten, die sich angesichts ihres „achtsamen“ Konsumverhaltens auf die Schulter klopfen können. Tiere gehören nicht zu den Gewinnern.

Nestles "skinny cow" bietet ihre milchigen Leckereien an.

Nestles "skinny cow" bietet ihre milchigen Leckereien an.

In seiner Pressemitteilung behauptete Nestle sich auf Grund von Kundenwünschen für Tierwohl zu engagieren. Unsinn. Nestle’s „Engagement“ reflektiert allein den Wunsch nach Profit und die Erkenntnis, dass man keine Schwänzen amputieren muss, um Kasse zu machen. Noch nie hat eine Firma wie Nestle Tierschutzregulationen eingeführt, die nicht billiger oder zumindest nicht teurer waren als die vorhergehenden. Kundenwünsche sind da nur eine willkommene Art, neue lukrative Produktionsmethoden werbewirksam zu verkaufen.

Insgesamt haben Tiere von diesen neuen Regulationen nichts. Erstens ist Schwanzamputation nur eine von zahllosen barbarischen Praktiken—obwohl es für die individuelle Kuh natürlich schön sein wird, ihren Schwanz zu behalten. Aber sogenannte Nutztiere erleiden eine solche Fülle an emotionaler und körperlicher Verstümmelung, dass die willkürliche Einstellung einer Misshandlung nicht mehr ist als eben das: willkürlich. Das Leben der Tiere wird nicht in nennenswertem Ausmaß verbessert. Zweitens setzen sich solche „Verbesserungen“ in keinster Weise mit der Frage auseinander, ob wir Tiere überhaupt nutzen dürfen. Sie hinterfragen nicht das ausbeuterische System, auf welchem die gesamte Milchindustrie aufbaut. Sie klammern auch die Frage des Tötens völlig aus. Allein Nestle’s Verwendung von Worten wie „Lieferkette“ in seiner Ankündigung, Tiere in Zukunft besser zu behandeln, sollte all jene, die sich wirklich um Tierwohl sorgen, aufschrecken lassen. Zu guter Letzt ermutigt die Illusion von gut behandelten Tieren Konsumenten dazu, Tierprodukte zu kaufen und macht es weniger wahrscheinlich, dass sie vegan werden. Studien zeigen immer wieder, dass die allermeisten Menschen gegen Tierleid sind; viele nicht-vegane Konsumenten kaufen ständig mit einem latenten Schuldgefühl ein. Sie suchen verzweifelt nach etwas, das ihr Gewissen beruhigen könnte, nach jemandem, der beschwichtigt: „Du machst alles richtig, du fügst kein Leid zu.“ Da kommt Nestle und streckt die rettende Hand aus.

Für mich als vegane Abolitionistin und ohnehin eher konsumkritisch—ganz zu schweigen von Konsum, der Leben kommodifiziert—ist der letzte vielleicht der wichtigste Punkt. Der Mythos der glücklichen Kühe macht es schwieriger, Nicht-Veganern zu verklickern, dass ihre Taten ihrer Moral widersprechen. (Und ja, viele hungern so nach einem besseren Gewissen, dass sie „umamputierte Schwänze“ gern mit „glücklich“ gleichsetzen.)

Eine weitere traurige Erkenntnis aus Nestle’s neuestem Marketing-Coup ist die erfolgreiche Kooption von Tierschutzgruppen. Die NGO World Animal Protection hat an Nestle’s Entwurf mitgeschrieben. Könnt ihr euch vorstellen, wie die Anti-Sklaven-Bewegung Beifall trampelt, weil irgendwer beschließt, dass Sklaven ab jetzt Nachtisch zum Abendbrot bekommen? Und das ganze dann auch noch als Abkehr von einem „herzlosen und gnadenlosen System“ bezeichnet, sowie es der Präsident der amerikanischen Humane Society, Wayne Pacelle, tat? Da muss ich Pacelle enttäuschen: Der größte Lebensmittelkonzern der Welt IST das gnadenlose System, von dem er sich angeblich entfernt. Nestle speist sich aus dem System, das es vermeintlich reformiert, und erhält es gleichzeitig am Leben.

Nestle’s neuester Einsatz für den Tierschutz mag jene freuen, die vage an Tierwohl interessiert sind (also, anders gesagt, ihrer eigenen Seelenruhe). Für alle, die Speziesismus wirklich ablehnen, ist Nestle’s Einsatz bestenfalls überbewertet. Schlimmstenfalls ist er ein weiterer, in Tierschutzrhetorik verkleideter Stein im Weg derer, für die Tierschutz niemals rhetorisch ist.