Warum Anti-Speziesismus nie so mainstream sein wird wie Anti-Sexismus oder Anti-Rassismus

Ich vergleiche Speziesismus oft mit Sexismus oder Rassismus. Ich argumentiere: Warum sollte ich speziesistisch sein, wo ich doch gegen Rassismus und Sexismus bin? Warum verstehen sich Menschen kollektiv als die überlegene Spezies wo wir doch in vielen Teilen der Welt entschieden haben, dass keine Rasse und kein Geschlecht besser ist und diese Einsicht sogar gesetzlich festgehalten haben? Manchmal mache ich mir die Hoffnung, dass in 200 Jahren Speziesismus so sein wird wie heute Sexismus oder Rassismus: nicht ausradiert, aber doch weniger massenkompatibel, in linken Kreisen verpönt und vielleicht sogar illegal.

Aber wie wahrscheinlich ist es wirklich, dass Speziesismus jemals so tabu wird wie Sexismus und Rassismus? Für Veganer, die den gedanklichen Sprung schon gemacht und Speziesismus anderen Unterdrückungsformen gleichgesetzt haben, mag es schwer sein, sich vorzustellen, dass alle anderen nicht auch eines Tages zur selben Erkenntnis erwachen werden. Schließlich sahen vor einem halben Jahrhundert selbsternannte progressive Amerikaner auch noch keinen Grund, ihren Rassismus zu verstecken. Und noch ein halbes Jahrhundert früher fanden die gleichen Leute es nicht beschämend, das Frauenwahlrecht offen abzulehnen. Heute würde kein Linker öffentlich rassistische oder sexistische Gesetze verteidigen, schon gar nicht während des Stimmenfangs. Zuletzt haben Linke international debattiert, ob auch Homosexuelle in den Kreis ihres Mitgefühls gehören und vielleicht—so habe ich mich manchmal aufgemuntert—sind nicht-menschliche Tiere ja als nächstes dran. Oder zumindest als übernächstes.

Dann hat ein Professor von mir—nicht vegan—laut spekuliert, dass der Unterschied zwischen Menschen und Tiere für die meisten schwieriger auszuklammern sei als der Unterschied zwischen Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen oder Hetero- und Homosexuellen. Er vermutete, dass es einer „universalistischen“ geistigen Haltung bedürfe—die die meisten Menschen nicht hätten—um diese verschiedenen biologischen Unterschiede als analog und gleichermaßen irrelevant anzusehen. Ich wünschte, ich könnte seine Überlegungen als Quatsch abtun, aber leiden klangen sie überzeugend.

Zum einen können Menschen sprechen, egal ob schwarz, weiblich oder schwul. So fühlen sich Menschen anderer Hautfarben, Geschlechter oder Sexualitäten ihnen näher, weil Menschen Sprache intuitiv als wesentliches Abgrenzungs- und Bindungsmerkmal interpretieren. Außerdem konnten unterdrückte Menschengruppen sich immer durch Sprache ausdrücken und mussten ihr Leid nicht unserer Vorstellungskraft überlassen. Obwohl Unterstützung durch andere Gruppen nie schadet, konnten sie trotzdem auch für sich selbst protestieren und argumentieren. Nicht-menschliche Tiere können uns nicht direkt sagen, wie sie sich fühlen, wodurch sie uns erstens fremder vorkommen und zweitens unfähig sind, für sich selbst zu kämpfen. Im Gegensatz zu unterdrückten Menschen sind sie im Kampf für ihre Befreiung komplett auf das Mitgefühl und die Kampfbereitschaft ihrer Unterdrücker angewiesen. Wahrlich kein guter Ausgangspunkt.

Zum anderen ist Speziesismus wahrscheinlich allgegenwärtiger, allumfassender und lebensstrukturierender als Rassismus oder Sexismus es jemals waren. Ich will andere Unterdrückungsformen nicht herunterspielen oder ihre Allgegenwärtigkeit im Leben der Unterdrückten bestreiten. Afroamerikaner im Chicagoer „Black Belt“ der 1930er Jahre waren in der Tat vom Aufstehen bis zum nächsten Aufstehen in ihrem Leben eingeschränkt. Aber der Rassismus war im Leben der Unterdrücker nicht so allgegenwärtig. Natürlich profitierten weiße Amerikaner in ihrem Privatleben und der Wirtschaft ihres Landes vom Rassismus und sie praktizierten ihn oder akzeptierten ihn in ihrem Alltag, aber die Ausbeutung von Schwarzen durchzog nicht jeden einzelnen Aspekt ihres Lebens.

Die Ausbeutung von Tieren schon. Die meisten Menschen essen zu jeder Mahlzeit Tiere oder tierische Produkte. Auf der Straße sieht man kaum jemanden, der nicht in irgendeiner Weise Tiere trägt und sei es „nur“ ein Lederetikett auf der Jeans oder der Wollanteil im Pullover. Jedes beliebige Badezimmer und jede Drogerie sind voller Produkte, die aus Tieren hergestellt oder an Tieren getestet wurden. Jede Nacht verbringen wir acht Stunden unter Federn. Viele Menschen leben mit Haustieren, die sie gekauft haben—ein fünfzehn Jahre währendes Andenken an unsere Herrschaft über diese andere Spezies. Wir essen Tiere, wir schmieren uns ihre Körperflüssigkeiten ins Gesicht, wir malen uns mit ihnen unsere Fingernägel bunt an. Wir reiten sie und beobachten sie zur Unterhaltung. Wir töten sie zum Spaß oder halten sie zum Spaß in unseren Häusern. Während wir mit denen kuscheln, die wir mögen, sitzen wir auf der Haut derer, die wir nicht mögen. Wir haben mit ihnen unsere Bücher gedruckt und unsere Möbel geklebt. Sicher, verschiedene Menschengruppen sind auf schreckliche Weise missbraucht und ausgebeutet worden, aber keine menschliche Ausbeutung war je so tiefgreifend und weit verbreitet, dass fast alle Unterdrücker hunderte Male am Tag von ihr profitierten.

Während ich also davon überzeugt bin, dass Speziesismus moralisch dem Sexismus oder Rassismus entspricht, befürchte ich, dass er nicht die gleiche Entwicklung hin zu immer geringerer gesellschaftlicher Akzeptanz gehen wird. Aber vielleicht ist mein Pessimismus ja auch gerade ein Zeichen dafür, wie weit der Kampf gegen institutionalisierten Sexismus und Rassismus gekommen ist. Vielleicht hatten Suffragetten und Abolitionisten damals auch so wenig Hoffnung wie ich heute und waren selbst überrascht vom Triumph ihres Aktivismus. Ich hoffe es sehr.