Warum ich mich als vegane Konsumentin nicht eingeschränkt sondern befreit fühle

Als Veganerin kann ich die meisten Dinge nicht kaufen. Aber ich fühle mich dadurch nicht eingeschränkt; ich fühle mich befreit. Denn ich habe zwar die Freiheit verloren, alles zu kaufen, was ich mir leisten kann, aber ich habe eine andere Art von Freiheit gewonnen: ich bin freier vom Konsumzwang.

Mein Leben ist natürlich immer noch stark von Konsum geprägt. Ich besitze mehr als ich benutze. Ich kaufe manchmal Dinge, die ich nicht brauche. Ich kaufe mir zum Trost etwas, wenn ich traurig bin. Und zu besonderen Anlässen kaufe ich ausgefallenes Essen. In mancher Hinsicht bin ich immer noch eine ganz normale Konsumentin.

August Macke, Großes Helles Schaufenster, 1912

August Macke, Großes Helles Schaufenster, 1912

Aber allein die Tatsache, dass die meisten Produkte für mich nicht in Frage kommen, hat mich für die Konsumzwänge unserer Gesellschaft und die Tricks der Firmen unempfänglicher gemacht. Werbung, Sonderangebote und „Must-Haves“ verfehlen bei mir ihr Ziel. Da ich weiß, dass meine Drogerie nur zwei tierversuchsfreie Kosmetikfirmen anbietet oder nur dieser eine Schokoriegel in meinem Supermarkt vegan ist, beeinflusst es mich nicht, dass eine bestimmte Firma oder der Marktleiter wollen, dass ich etwas anderes kaufe. Alleskäufer lassen sich von Sonderaktionen vielleicht dazu verleiten, ein Produkt zu kaufen, das sie normalerweise nicht kaufen würden, oder sie kaufen sich Shellac-Nagellack, weil irgendjemand ihn für unverzichtbar erklärt hat. Mein veganes Selbst trottet einfach weiter zum vertrauten tierversuchsfreien Regal oder schnappt sich den altbewährten Schokoriegel und ist mit dem Einkauf fertig. Kein Rabattmarken ausschneiden, auf Aktionen warten oder Sonderangebote abwiegen. Da diese Werbetricks in der Regel nicht für die wenigen Produkte gelten, die ich kaufen kann, fühle ich mich von ihnen gar nicht angesprochen.

Nicht-Veganer bemitleiden mich manchmal für meine „Entbehrung.“ Ist es nicht frustrierend, immer nur zwischen zwei Haarshampoos zu wählen oder jeden Tag die gleichen Kekse zu essen? Zum einen ist mein Konsum nicht so eingeschränkt wie viele Nicht-Veganer denken. Es gibt viele zufällig vegane Produkte und die Zahl der absichtlich veganen Produkte wächst stetig. Und ja, manchmal, wenn ich etwas, das ich brauche, nicht in veganer Ausführung finden kann, bin ich schon genervt. (Heute früh wollte ich zum Beispiel eine Flaschenbürste kaufen, aber es gab keine ohne Wolle oder Rosshaar.) Insgesamt bin ich aber sogar froh, dass ich mich am Konsumwahnsinn nur teilweise beteiligen kann. Wer braucht schon eine Auswahl von 5000 Lippenstiften oder 50 verschiedene Gummitiere?

Als vegane Konsumentin fühle ich mich nicht eingeschränkt. Ich fühle mich befreit.