Warum viele Befürworter sozialer Gerechtigkeit nicht vegan sind

Kennt ihr auch Menschen, die gegen steigende sozioökonomische Ungleichheit protestieren und für höhere Einkommensteuern und Vermögensumverteilung sind, aber Tiere essen? Es fällt mir immer schwer zu verstehen, wie sie ihren Einsatz für soziale Gerechtigkeit mit ihrem mangelnden Verständnis für Veganismus vereinbaren. Und nicht nur sind diese ansonsten mitfühlenden, gleichheitsliebenden Menschen nicht vegan, viele lehnen Veganismus sogar ab, weil er angeblich elitär ist und die sozialen Ungleichheiten, gegen die sie kämpfen, verstärkt oder ihnen zumindest in die Hände spielt. Das elitäre Image des Veganismus hält sie davon ab, vegan zu werden.

Es gibt unzählige Klischees über Veganer, aber dass wir elitär wären ist eines der schlimmsten. Zum einen ist es völlig haltlos. Schließlich setzen Veganer ihr eigenes Vergnügen nicht über das Leben anderer. Viel bescheidener geht es nicht. Und zum anderen ist es eines der schädlichsten Klischees. Es hindert Menschen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen und keine Angst haben gegen den Mainstream anzusprechen―zwei Eigenschaften, die sie mit vielen Veganern gemeinsam haben―daran, vegan zu werden. Genau die Leute, die man von der veganen Idee überzeugen könnte, denken, dass Veganismus nicht für die Menschen zugänglich ist, für deren Rechte sie sich einsetzen: sozial und ökonomisch Benachteiligte.

Hier einige ihrer häufigsten Argumente, sofern sie sich überhaupt auf Gespräche über Veganismus einlassen:

Veganismus ist teuer und deshalb für einkommensschwache Menschen nicht machbar.

Falsch. Veganismus ist genau wie jede andere Ernährungsweise. Man kann dafür viel Geld ausgeben oder wenig. Wer sich eine fleischhaltige Ernährung leisten kann, für den ist auch eine vegane erschwinglich. Als ich vegan wurde, konnte ich es mir nicht leisten, mein monatliches Lebensmittelbudget zu vergrößern und es war auch gar nicht nötig.

Veganer sind snobistisch und elitär.

Bestimmt gibt es versnobte Veganer, genauso wie es versnobte Nicht-Veganer gibt. Aber die allermeisten Veganer werden nicht von snobistischen Motiven angetrieben. Es geht ihnen nicht darum, etwas Besseres zu sein oder sich von der Masse abzuheben oder der Avantgarde nachzueifern. Eine unprätentiösere Entscheidung als die, eigene Genussbedürfnisse weit unter die Lebendigkeit anderer Lebewesen zu stellen, gibt es kaum.

Veganer finden Tierleid wichtiger als menschliches Leid. Veganismus ist ein Luxusthema solange es noch so viele Menschen gibt, denen es schlecht geht.

Veganer finden Tierleid nicht wichtiger als Menschenleid, aber eben auch nicht weniger wichtig. In unserer auf Tierausbeutung basierenden Welt mag das wie eine Umkehrung der Fürsorge erscheinen, obwohl es eigentlich eine Angleichung ist. Veganer bestreiten nicht, dass Ungleichheit und Ungerechtigkeit unter Menschen Riesenprobleme sind. Sogar Christopher Hitchens (kein bisschen vegan) schrieb „Einer der dümmsten Vorwürfe an tierliebe Menschen ist, dass sie Tiere Menschen vorziehen (...) Leute, die Hamburger und risikolose Jagd und Nerzmäntel lieben, wird man kaum an vorderster Stelle bei Amnesty International antreffen.“ Und nicht nur engagieren sich Veganer oft für andere Themen sozialer Gerechtigkeit, schon allein durch ihren Veganismus tragen sie nicht zum Menschenleid bei, dass sich hinter der Fleisch- und Milchindustrie verbirgt: die oft grauenhaften Arbeitsbedingungen, den Export von Lebensmitteln aus Ländern, in denen Hunger noch ein Massenproblem ist in reiche Länder, die sie an „Nutztiere“ verfüttern, oder die Folgen der globalen Erwärmung, die zuerst die ärmsten und wehrlosesten Menschen der Erde treffen werden. Und selbst wenn sich Veganer nicht gegen andere soziale Ungerechtigkeiten einsetzen würden, kann man ihr Engagement in einer Bewegung nicht mit dem Hinweis diskreditieren, es gäbe noch andere Bewegungen, an denen sie nicht beteiligt seien.

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Jeder Veganer weiß, dass es an Klischees über uns nicht mangelt. Aber dass Veganismus elitär sei, stört mich am meisten. Er ist nicht nur nicht elitär, sondern durch und durch egalitär. Unser snobistischer Ruf verprellt genau die Menschen, die ansonsten vielleicht empfänglich für die vegane Idee von Mitgefühl und Solidarität wären. Das nächste Mal, wenn du einen nicht-veganen Kämpfer für soziale Gerechtigkeit triffst, sag ihm, dass Veganismus seinen Kampf nicht konterkarieren würde. Sein Fleischessen schon.