Vegane Argumente, Aber Kein Veganes Fazit

Anteilnahme am Leid der Tiere ist in nicht-veganen Medien eine Seltenheit. Das deutliche Vertreten veganer Interessen gibt es gleich gar nicht.

Ihr könnt euch also mein Erstaunen vorstellen, als ich auf der letzten Seite der Schrot & Korn, einer kostenlosen, seichten Zeitschrift, die in Bioläden herumliegt, auf die unscheinbare Kolumne von Fred Grimm stieß. Ich lese die Schrot & Korn für gewöhnlich in der Badewanne, wohin ich Magazine mitnehme, die ruhig nass werden können.

Fred Grimm, offenbar Autor eines dieser „durch Konsum die Welt verbessern“-Bücher, die in den letzten Jahren die Buchläden überflutet haben, nutzte seine Kolumne um uns von einer unangenehmen Begegnung zu erzählen, die er neulich hatte. Grimm war auf einer Autofähre unterwegs, mit vielen anderen Urlaubern und, peinlicherweise, einem LKW voller quiekender und kreischender Schweine auf dem Weg zum Schlachthaus. Was eigentlich fern des öffentlichen Auges geschehen soll, ragte plötzlich unignorierbar inmitten heiterer, Ferienerinnerungen sammelnder Familien.

Grimm beschreibt diese „surreale“ Begegnung mit viel Empathie und erfrischender Schonungslosigkeit. Kinder rennen zum LKW und winken den Schweinen durch die Gitterstäbe ihres mobilen Gefängnisses hindurch zu. Ihre Eltern belügen sie: „Die fahren nach hause―so wie wir,“ und sich selbst: „Wir essen eigentlich gar kein Schweinefleisch.“ Grimm geht so weit, die Situation eine Begegnung mit dem „moralischen Dilemma unserer Zeit“ zu nennen. Wow!

Ich war baff. Es gehört inzwischen zum guten Ton, zumindest in Deutschland, Massentierhaltung und Überfischung abzulehnen. Aber niemand dreht die Kamera je weg von den abscheulichen Industrien und Betrieben und richtet sie auf uns, die scheinheiligen Konsumenten, die wir unsere Kinder belügen weil wir sie in ein System verwickelt haben, das so brutal ist, dass wir es für ihre weichen Herzen als unangemessen empfinden, und die wir uns selbst belügen, damit wir leichter durch den Alltag kommen. Grimms Unverfrorenheit beeindruckte mich; er nahm es in Kauf, den Lesern den Appetit zu verderben, die wenige Seiten vorher eine Wurstwerbung angeschaut hatten. (Biowurst, versteht sich, mit dem Titel: „Öfter mal die Welt retten!“ und dem Foto eines Jungen, der beiläufig in die „Superwurst“ beißt.)

Die Enttäuschung kam mit den letzten beiden Sätzen. Unvermittelt, nach Zeilen des Mitgefühls und der Selbstkritik, schließt Grimm: „Es wäre pathetisch zu behaupten, die Begegnung mit den armen Schweinen auf der Autofähre hätte mich zum radikalen Vegetarier gemacht. Aber seither denke ich doch: Wer jeden Tag Fleisch essen will, sollte wissen müssen, wie die Todesangst der Tiere klingt.“

Man stelle sich Grimms Fazit in einem beliebigen anderen Kontext vor. Bevor man von der Folter eines anderen profitiert, sollte man zumindest seine Todesschreie gehört haben. Es ist ein widerliches Fazit. Isst Grimm wirklich weiterhin Fleisch? Oder―was mir wahrscheinlicher vorkommt―hat die Schrot & Korn sein ursprüngliches Fazit zensiert, weil es sowohl der Biofleischwerbung, die über die Zeitschrift verteilt ist, widersprach als auch dem Verkaufsschlager eines jeden Bioladens, dem guten Gefühl?

Bioläden richten sich an Konsumenten, die etwas mehr verdienen, etwas gesundheitsbewusster sind, und sich mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit vegan oder vegetarisch ernähren als der Durchschnittsdeutsche. Aber im Grunde unterscheiden sich diese Kunden kaum von anderen Konsumenten: Sie sehnen sich nach der Vergewisserung, dass ihre Art zu leben richtig ist, dass sie ihren Beitrag leisten. Sie kaufen Bio-Milch um Zugang zu erhalten zur Mär der glücklichen Kühe und Bio-Hühnchen, damit sie der nächste Geflügelskandal so kalt lassen kann, als seien die Neuigkeiten aus Grönland.

In ihrer Selbstgefälligkeit ertappt zu werden, ihr gutes Gewissen von einem unverblümten Satz zerzaust zu sehen, ist das letzte, was diese Konsumenten wollen. Schade, Herr Grimm, Sie hätten es fast geschafft.