Ohne sprachliche Beschönigung gäbe es mehr Veganer

Die Sprache ist ein mächtiges Werkzeug und wir benutzen sie, um schmutzige Wirklichkeiten reinzuwaschen. Wir ziehen „Militäroperation“ Begriffen vor, die dem dreckigen, blutigen, unkalkulierbaren Chaos des Krieges angemessener wären. „Unüberwindbare Differenzen“ ist ein schmeichelnder Ausdruck für die Enttäuschung und die nächtelangen Streits zwischen zwei Menschen, die sich mal geliebt haben. Euphemismen müssen immer dann herhalten, wenn die Realität zu brutal ist. Daher überrascht es nicht, dass die Ausbeutung und der Verzehr von Tieren eine Unzahl von Euphemismen inspiriert hat.

Das Englische beispielsweise versucht verzweifelt zu verstecken, dass wir Tiere essen. Englisch sprechende Menschen essen keine „Schweine“ (pigs) sondern „Schweinefleisch“ (pork). Keine „Kühe“ (cows) sondern „Vieh“ (cattle), keine einzelnen Vögel sondern „Masthähnchen“ (broiler) oder „Geflügel“ (poultry). Rinder werden im Englischen "geerntet" (harvested), nicht gemordet.

Im Deutschen geht es dagegen erstaunlich explizit zu. Ein Restaurant in meiner Straße wirbt mit „Schwein im eigenen Saft.“ Andere deutsche Gerichte wie Saumagen haben ähnlich unverblümte Namen.

Natürlich verziehe ich das Gesicht jedes Mal, wenn ich an der Werbetafel mit der Aufschrift „Schwein im eigenen Saft“ vorbeikomme, aber ist es nicht schädlicher die üblen Details tierischer Lebensmittel hinter blumigen Namen zu verstecken? Wie viele Kinder würden ihre „Kinderwurst“ noch essen, wenn sie nicht in perfekte runde, pinke Kreise gepresst wäre, sondern nach Schwein aussähe und „Schwein“ hieße? Wie vielen Erwachsenen würde der Appetit vergehen, wenn ihre liebsten tierischen Speisen Aussehen und Namen eines toten Tieres hätten?

Das ist natürlich nur ein Gedankenexperiment. Einige tierische Lebensmittel werden sicher immer benannt und verpackt sein, um ihre Herkunft zu verschleiern, während andere die Sache beim Namen nennen, vielleicht darauf hoffend, die „Urinstinkte“ der männlichen Konsumenten zu wecken oder ihre kulinarische Maskulinität herauszufordern.

Welcher sprachlichen Version des Fleischkonsums sollten Veganer nun misstrauischer gegenüber stehen, also welche bringt Konsumenten wahrscheinlich nicht dazu, irgendwann ganz mit dem Fleischessen aufzuhören? Ich finde beide auf verschiedene Art gefährlich. Auf der einen Seite erlauben Euphemismen Konsumenten, die beim Fleischessen eigentlich ein schlechtes Gewissen haben, für einen Moment nicht daran zu denken, dass sie Tiere essen. Auf der anderen Seite könnten tierische Lebensmittel mit expliziten Namen „harte“ Konsumenten, die es normal oder sogar amüsant finden Mägen, Hoden und Schenkel zu essen, weiter desensibilisieren.

Ich bevorzuge trotzdem die explizite Sprache. Die meisten Menschen sind von Natur aus zart besaitet. Aus Umfragen und unseren persönlichen Erfahrungen wissen wir, dass viele Menschen intellektuell und emotional Tierleid ablehnen, dass sie beim Fleischessen Schuldgefühle haben und in die Defensive gehen, wenn man sie darauf anspricht. Angenehm kaschierende Namen sind genau das Beruhigungsmittel, das ihr Gewissen haben möchte. Explizite Namen könnten das Wahrheitsserum sein, das es braucht.