Fast Wie "Echt"

Ist euch schon mal aufgefallen, dass das größte Kompliment an veganes Essen ist, dass es „echt“ schmeckt?

Klar sind Tiere süß, aber muss mein Essen deshalb ausehen wie sie? Bildnachweis: Martha Stewart

Klar sind Tiere süß, aber muss mein Essen deshalb ausehen wie sie? Bildnachweis: Martha Stewart

Wenn ich einen Kuchen mache, der aus einer weißen cremigen Schicht auf einem braunen, bröckligen Untergrund besteht, loben die Leute: „Fast wie echter Käsekuchen.“ Vegane Burger werden mit der nett gemeinten Vermutung bedacht: „Da schmeckt keiner einen Unterschied.“ Und über einen Salat aus klein geraspelten Nudeln, den ich mal gemacht hab, sagte ein wohlwollender Mensch: „Hat sogar die Konsistenz von Eiersalat!“

Warum nur muss veganes Essen nach etwas schmecken, das es gar nicht ist? Warum kann es nicht einfach gut schmecken?

Wir Menschen wollen natürlich immer alles in bekannte Kategorieren einordnen. Deshalb werden Kinder von Eltern aus unterschiedlichen Teilen der Welt gefragt „was sie sind“ und in den meisten Ländern muss man in seinem Ausweis ein Geschlecht angeben. Essen ist besonders abhängig von Traditionen, Kultur und Wiedererkennen. Die vegane Bewegung muss dieses Bedürfnis nach Vertrautheit überwinden. Wenn sowohl Veganer als auch Fleischesser erwarten, dass veganes Essen irgendeinem Tier gleicht oder zumindest seinen Namen von einem tierischen Produkt ableitet, wird veganes Essen immer hinter dem normativen Original zurückbleiben. Das macht es für Veganer schwieriger, vegan zu bleiben und für Fleischesser unwahrscheinlicher, ihre geliebten Originale durch gut gemeinte, aber letztlich zweitklassige Kopien zu ersetzen.

Gut gemachtes veganes Essen ist von allein lecker. Es ist keine Nachahmung. In ein paar Jahrzehnten, da bin ich mir sicher, wird veganes Essen mehr eigene Traditionen geformt haben. Dann brauchen vegane Amerikaner zu Thanksgiving kein „tofurky“ (oder: Tofu-Turkey) mehr essen und zu Ostern müssen wir keinen „Käse-“kuchen servieren. Aber um unsere eigenen, neuartigen Traditionen schaffen zu können, müssen wir aufhören, alte zu imitieren. Zu Thanksgiving könnten wir Kürbisse servieren und zu Ostern Rhabarberkuchen, einfach weil es schön ist, saisonale Feste mit saisonalem Obst und Gemüse zu feiern. Wir müssen die Vorstellung überwinden, dass nur etwas Tierartiges oder wenigstens nach einem Tierprodukt Benanntes nahrhaft sein kann und besonderen Anlässen würdig ist.

Wenn ich zu einer nicht-veganen Feier veganes Essen mitbringe, dann stelle ich mein Gericht absichtlich nicht als Fälschung eines bekannten Gerichtes vor. Ich sag nicht: „Das ist mein veganer ,Käse-‘kuchen.“ Ich sage stattdessen: „Das ist ein Kuchen aus Cashews, Kokosnuss und Limetten.“ Ich will keine Anführungsstriche in der Luft gestikulieren, wenn ich mein Essen präsentiere. Mein Essen braucht keine Anführungsstriche; es ist nicht fake. Es ist nur noch nicht so bekannt.