Der Ekelfaktor

In Umfragen geben regelmäßig 10% der Deutschen an, Vegetarier zu sein. Das passt weder mit Statistiken zum steigenden Fleischkonsum noch mit meiner eigenen Erfahrung zusammen, oft die einzige Fleischverweigerin in einer Runde zu sein. Wo sind die 8 Millionen Deutschen, die angeblich auf Fleisch verzichten? Sollte ich ihnen nicht unverhältnismäßig oft statt selten begegnen, wo ich doch in einer Großstadt lebe und vor allem Leute mit Universitätsabschluss kenne?

Neue Studien haben jetzt gezeigt, was ich schon vermutete: a) Von den selbsternannten Vegetariern essen nur 16-35% wirklich kein Fleisch. Das heißt, tatsächlich leben nur 1,6 bis 3,5% der Deutschen vegetarisch. Und b) Es gibt einen eindeutigen Unterschied zwischen echten Vegetariern und fleischessenden „Vegetariern.“ Während beide die Ausbeutung und den Konsum von Tieren theoretisch ablehnen, ekeln sich nur die echten Vegetarier vor Fleisch. Ihr Ekel bewahrt sie vor Ausrutschern, gegen welche die fleischessenden „Vegetarier“ nicht immun sind, da sie nur ihre moralische Überzeugung, nicht aber körperlicher Ekel davon abhält, Tiere zu essen.

Mangelnder Ekel ist natürlich keine Entschuldigung dafür, entgegen seiner eigenen Moralvorstellungen zu leben. Ich denke, dass sehen viele „Vegetarier“ auch so und einige fühlen sich nach Rückfällen bestimmt schuldig. Aber davon abgesehen kann die vegane Bewegung eine wichtige Lehre aus der Studie zum Ekelfaktor ziehen: Neben ethischen Argumenten―immerhin fühlen sich 10% der Deutschen bemüßigt, sich wenigstens als Vegetarier zu bezeichnen―sollten wir uns auch drauf konzentrieren, Ekel zu fördern.

Zum Teil erledigt das die Fleischindustrie schon selbst. Jeder Skandal von vergammeltem, krankheitsübertragendem oder falsch etikettiertem Fleisch ist ein Eigentor. So was widert Konsumenten an.

Aber ebenso wichtig ist, in welchem Alter jemand zum Vegetarier wird. Meiner Erfahrung nach entwickeln Menschen, die erst als Erwachsene Vegetarier oder Veganer geworden sind, nach Jahrzehnten des Fleischessens, selten so ein starkes Ekelgefühl wie die, die schon früh aufgehört haben, Tiere zu essen. Ich wurde als Kind Vegetarierin und obwohl es zunächst ein instinktives Erkennen von Ungerechtigkeit war, dass mich zur Vegetarierin machte, war es später zumindest teilweise mein schierer Ekel, der dafür sorgte, dass ich Vegetarierin blieb. Ich war so angeekelt, dass ich wollte, dass meine Eltern ihr Fleisch in einer extra dafür vorgesehenen Ecke im Kühlschrank aufbewahrten. Ich wollte nicht mit ihnen essen, wenn sie bestimmte Fleischprodukte aßen. Und ich verbarrikadierte mich in meinem Zimmer, wenn sie besonders stark riechendes Fleisch oder Fisch brieten. Es war weniger meine Moral, die da von Bratgerüchen oder der Nähe eines Stück Fleisches zu meinem Obst hervorgekitzelt wurde. Es war einfach meine körperliche Abscheu.

Eier und Milchprodukte zum Beispiel habe ich erst als junge Erwachsene aufgegeben. Langsam, nach einigen Jahren als Veganerin, entwickle ich auch so etwas wie Ekel für Eier und Milch, aber sie werden mich wohl nie so anekeln wie das Fleisch, an dessen Geschmack ich mich nicht einmal erinnere. Und vor Honig oder Wolle werde ich mich wohl nie ekeln können. Für mich ist meine ethische Überzeugung zwar so stark, dass ich mir diese Produkte trotzdem nicht kaufen werde, aber mancheiner braucht vielleicht die Unterstützung des Ekelgefühls. Umso jünger jemand ist, umso leichter setzt sich der Ekel fest.

Wir müssen uns also neben ethischen Argumenten auch Mittel einfallen lassen, bei Fleischessern Ekel hervorzurufen, sodass sie Tierfleisch irgendwann nicht mehr als Lebensmittel sehen und das Essen von Tieren ungefähr so abartig finden wie jetzt schon Kannibalismus oder die Vorstellung, ihr Haustier zu essen. Kinder zu ermutigen Vegetarier zu werden bzw. Vegetarier zu bleiben wenn sie einmal die Wahrheit herausgefunden haben, die eigentlich alle Kinder traurig macht, ist ein einfacher Weg, lebenslangen Ekel bewirken. Die meisten Menschen ekeln sich eher vor etwas, das sie noch nie oder schon sehr lange nicht mehr gegessen haben als vor etwas, das sie ihr Leben lang verspeist haben. Und viele Kinder ekeln sich von Natur aus leicht. Im Fall von Fleischkonsum ist das gut.

Aus ethischen Gründen hören viele Menschen mit dem Fleischkonsum auf und für einige sind die ethischen Argumente genug, um sie gegen Rückfälle abzusichern. Aber Ekel gewährleistet, dass mehr von den Menschen, die verstandsmäßig gegen die Ausbeutung von Tieren sind, auch nach ihrer eigenen Überzeugung leben. In diesem Sinne, lasst uns den Ekelfaktor verbreiten.