Die Mär von der kulinarischen Privatsphäre

Vor zwei Wochen hab ich darüber geschrieben, dass ich immer von mir enttäuscht bin, wenn ich nicht laut genug für Veganismus eintrete. Einige Leser meinten, dass sie das nicht verstehen und dass Veganer im Gegenteil gerade nicht moralisierend unterwegs sein sollten: „Jedem das Seine.“ Diesen Einwand höre ich oft, sowohl von Veganern als auch Nicht-Veganern. Und ich bin ganz anderer Meinung.

Mir ist es egal, wie sich jemand kleidet, mit wem er sein Bett teilt oder wie ehrgeizig er ist. Das sind persönliche Entscheidungen. Sie gehen mich nichts an. Aber nicht jede Entscheidung, die man allein trifft, ist wirklich persönlich. Tiere essen ist keine persönliche Entscheidung. Und deshalb ist es auch nicht anmaßend, sich gegen Tierkonsum auszusprechen. Das verletzt keine Privatsphäre. Im Gegenteil, es ist der Versuch, Omnivoren davon abzuhalten, noch viel mehr als nur jemandes Privatsphäre zu missachten: nämlich sein Recht auf Leben und Freiheit.

Tiere zu quälen und zu töten ist keine persönliche Entscheidung. Es mag—in unserem derzeitigen Wirtschafts- und Rechtssystem—als persönliche Entscheidung behandelt werden, aber ethisch ist es das nicht. Über die Jahrhunderte gab es etliche Perioden, während derer es rechtlich abgesichert und ökonomisch erwünscht war, anderen Lebewesen zu schaden, aber deshalb war es nicht richtig. Oft haben Menschen das im Nachhinein kollektiv auch so entschieden und jene verdammt, die sich beteiligten, selbst wenn sie zum Zeitpunkt des moralischen Unrechts im politischen Recht waren und es vielleicht sogar Anreize gab, so zu handeln wie sie. Als Deutsche denke ich natürlich gleich ans Dritte Reich, aber jedes Land hat seine eigenen Beispiele.

Als Veganer ist es sogar noch mehr unsere Pflicht, Unrecht laut und offen anzuprangern, weil—im Unterschied zu beinahe jeder anderen Befreiungsbewegung—diejenigen, die wir befreien wollen, buchstäblich keine eigene Stimme haben. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass sie für sich selbst sprechen und andere von ihrem Recht auf Leben überzeugen werden.

Wenn es beim Veganismus um Gesundheit oder religiöse Reinheit ginge, ja, dann wäre es tatsächlich eine persönliche Entscheidung und wir sollten anderen das Gerede darüber ersparen, wie wir unsere getroffen haben. Aber für mich geht es beim Vegansein nicht um mich und meinen Körper. Es geht um die Einsicht, dass Gesetzmäßigkeit und ökonomischer Anreiz eine Sache nicht richtig machen. Weil andere zu missbrauchen keine persönliche Entscheidung ist, ist es unsere Pflicht andere Lebewesen nicht nur nicht zu misshandeln, sondern andere Menschen auch davon abzuhalten, andere Lebewesen zu misshandeln. Sich aus den Entscheidungen anderer herauszuhalten, wenn sie das Recht auf Leben nicht respektieren, ist keine Tugend. Es ist Unterlassung.